Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Wochenbettpsychose

„Ich liege im dunklen Zimmer. Ein Dröhnen hat mich wach gemacht. Das ungewohnte Rauschen geht über mich hin, ohne dass ich weiß, woher es kommt. Ich liege da und versuche, genauer zu spüren, was mit mir geschieht. Ich entdecke, dass ich aus zwei Kreisläufen bestehe. Der eine Kreis pulsiert durch die rechte Brust und den rechten Arm, der andere durch die linke Brust und den linken Arm. Der Rest meines Körpers ist irgendwo verloren. Wie eine mächtige Dröhnung zirkuliert es durch Brüste und Arme. Ich vergewissere mich, dass ich nicht träume. Ich weiß, dass ich keine Drogen genommen habe, und doch ist das Körpergefühl noch am ehesten einem Drogenerlebnis vergleichbar. Ich liege da und lasse unbekannte Kräfte über mich hinwegbranden. Ich bin nicht übermäßig beunruhigt, eher neugierig auf das, was mein Körper mit mir vorhat. Doch dann setzt eine Verwandlung ein: Plötzlich ist Nina mein Mund, und ich habe Ninas Gesicht. Nina ist einen Tag und zwei Nächte alt, ich habe sie vor dreißig Stunden im Kreißsaal der Klinik geboren. Hier ist kein Traum am Werk, keine Phantasie, kein Gefühl des Als-ob. Sie ist mein Mund, ich bin ihr Gesicht. Mein Körper dröhnt in rhythmischer Bestätigung dieses Tatbestandes: Ich habe das Gesicht meines Säuglings, mein Säugling ist mein Mund. Und dann kommt ganz vehement die Angst: Wie werde ich am nächsten Morgen sprechen können mit diesem Mund? Ich habe die Fähigkeit verloren, mit meiner Umwelt, den Krankenschwestern, der Zimmernachbarin Kontakt aufzunehmen. Ich denke: Das ist also der Beginn einer Wochenbettpsychose. Und dann denke ich noch, ich muss Michael so früh wie möglich anrufen, damit er gleich kommt und für mich die Kommunikation mit der Außenwelt übernimmt. Obwohl ich die Sprache verloren habe, ist die Vorstellung, mit ihm zu telefonieren - paradoxerweise -, völlig ungetrübt.

Dieser Vorsatz beruhigt mich ein wenig. Ich liege noch einige Zeit in diesem verwandelten Zustand da, dem ich mich geradezu fatalistisch überlassen habe. Und dann ist alles verändert: Das Dröhnen wird leise, kaum wahrnehmbar, wird zur Spannung in den Brüsten, und ich begreife, dass mir die Milch eingeschossen ist. Ich habe wieder mein eigenes Gesicht, meinen eigenen Mund. Ich kann wieder sprechen. Ich schlafe beruhigt ein.»*

So kann in der Tat eine Psychose beginnen. Das Ich des Menschen scheint sich aufzulösen oder der Mensch mit einem anderen Menschen zu verschmelzen. Es kommt zu einer tiefen Regression, wie man den Zustand nennt, in dem der Mensch seine kritischen und erwachsenen Fähigkeiten verliert. Aber für die junge Mutter hatte dieses Erlebnis auch eine positive Bedeutung: "Schließlich musste ich mich doch auf eine neue Phase in der Beziehung zu meinem Kind - sicher ist wichtig, dass es mein erstes war - einstellen. Bisher war es in meinem Bauch gewesen, allgegenwärtig. Für seine Bedürfnisse hatte mein Körper auf eine ruhige und eigenständige Weise tief innerlich gesorgt. Jetzt war es draußen. Nina war da. Ich musste auf andere Weise für sie sorgen, musste sie verstehen lernen mit anderen Sinnesorganen, mit einer stärker mit meinem Ich verbundenen Einfühlung."

Was eine Wochenbettpsychose ist, machen diese Zeilen so deutlich, dass es kaum noch einer Erklärung bedarf. Die Mutter muss nach der Geburt ihres Kindes eine schwierige psychische Umstellung leisten. Für die gefühlsmäßige Einstellung auf ihren Säugling ist es mit Liebe allein nicht getan. Der Säugling ist darauf angewiesen, dass die Mutter mehr oder weniger fühlen kann, was er braucht. Der Säugling weiß ja noch nicht, welches der richtige Ausdruck für welches Gefühl ist. Es mag noch leicht sein, zu erraten, wann der Säugling hungrig ist, wann er neue Windeln braucht. Aber eine Mutter möchte und soll auch mehr von dem Befinden des Säuglings verstehen: Wann er schlafen will, wann er Anregung braucht, wann er leidet oder nur wütend ist. Ein Baby braucht diese Bestätigung seiner Gefühle. Nur so bekommt es Urvertrauen in sich selbst und seine Umwelt, was der Grundstein für eine gesunde seelische Entwicklung ist.

Die Einstellung der Mutter auf das Neugeborene verlangt eine gefühlsmäßige Einheit zwischen beiden. Mutter und Kind müssen zu Beginn gleichsam wie ein einziger Mensch fühlen. Wie dies funktioniert, erlebte ich einmal, als ich eine Bekannte und ihren Säugling im Auto mitnahm. Die junge Mutter bat mich nach einiger Zeit anzuhalten, da ihr übel geworden war. Ich fuhr den Wagen an den Rand und hielt. Aber dann erbrach sich das Kind, und die Mutter fühlte sich wieder gut.

Die Mutter muss also in der ersten Phase ihrer Beziehung zu dem Neugeborenen ihre Ich-Grenze lockern, sie muss, um ihre Aufgabe erfüllen zu können, mit ihrem Kind seelisch wie eins fühlen - so wie sie ja auch körperlich mit ihm verschmilzt, indem sie den Säugling durch die Milch von ihrem Körper ernährt. Frauen mit schwacher seelischer Stabilität können unter dieser Anforderung die Grenzen ihres Ichs ganz verlieren und psychotisch werden. Das gilt insbesondere dann, wenn der Vater nicht genügend Halt bietet. Aber auch bei Frauen, die vor ihrer Schwangerschaft eine schizophrene Erkrankung hatten, die also ohnehin Probleme mit der Stabilität ihres Ichs hatten, kommt es nicht selten im Wochenbett zu einem Rückfall.

Wenn die Erkrankung der jungen Mutter schwerwiegend ist, braucht sie Krankenhausbehandlung. In der Regel wird sie dann von ihrem Säugling getrennt. Aber es ist natürlich eine Katastrophe, wenn das Kind in den wichtigen ersten Lebenswochen seine Mutter nicht hat. Die Mutter ihrerseits vergeht fast vor Schuldgefühlen. Nachher, wenn sie nach Hause kommt, findet sie ein Kind vor, das unter der Trennung gelitten hat und darum besonders schwierig ist. Das Ergebnis ist, dass eine Frau, die ohnehin nicht besonders belastbar ist, mit einem Kind klarkommen muss, das durch die Trennung der ersten Wochen besonders schwierig geworden ist.

Es gibt darum inzwischen psychiatrische Krankenhäuser, die anders verfahren. Wenn klar ist, dass die Mutter tatsächlich willens und mit Unterstützung von Familienangehörigen in der Lage ist, ihr Kind großzuziehen, wird die kranke Mutter zusammen mit ihrem Säugling auf genommen. In den ersten Tagen übernehmen die Krankenschwestern viel von der Säuglingspflege und achten darauf, dass die Mutter ihrem Kind aus Unachtsamkeit nicht schadet. Im Schutz der Klinik kommt es in der Regel schnell zur Besserung der Krankheit, und die Mutter kann sich in Ruhe mit der nötigen Unterstützung auf ihr Kind einstellen.

Wochenbettpsychosen unter dem Bild einer schizophrenen Krankheit sind aber selten. Viel häufiger sind depressive Verstimmungen. In leichter Form kennt sie jede Mutter als den sogenannten Babyblue. Gelegentlich ist die Verstimmung schwerer, führt aber dennoch nur selten zur Notwendigkeit einer Krankenhausbehandlung.

Die Ursache für die Depression im Wochenbett dürfte in der schon beschriebenen schwierigen Einstellung der jungen Mutter auf das Kind liegen. Wenn sie selbst als Säugling diese Fürsorge nicht ausreichend hatte, z. B. weil ihre Mutter krank war, kann sie es schlecht mit ihrem eigenen Kind. Sie soll etwas geben, was sie selbst nicht bekommen hat. Und je mehr die Mutter das Kind gewünscht hat, desto größer wird ihr Bestreben sein, es dem Kind recht zu machen. So spüren oft gerade solche Mütter eine Depression im Wochenbett, die es besonders gut machen wollen. Die beste Therapie in solchen Fällen ist im übrigen eine angemessene Unterstützung durch die Mutter der Frau oder den Ehemann.

* aus: M. Gambaroff: Utopie der Treue. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 1984, S. 61 f. ; ebenso der verwendete Untertitel: "Im Strudel der Regression"

Letztmals aktualisiert: 2010-04-21 14:30:00
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

Dieses Buch bei Amazon
Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.