Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Suizidversuch

Suizidgedanken und Suizidversuche können durch viele unterschiedliche Beweggründe verursacht sein. Aber nicht selten entstehen sie aus einer Situation, wie sie hier geschildert ist.

Monika A. ist jetzt 29 Jahre alt. Zwei Selbstmordversuche hat sie hinter sich. Der letzte war ernsthaft. Kein Mensch würde ihr das ansehen. Monika ist eine hübsche Frau, weiß sich gut zu kleiden und lebt - wie man sagt - in geordneten Verhältnissen. Monika ist das jüngere von zwei Kindern. Die Mutter war nach der Geburt des älteren Bruders noch längere Zeit berufstätig gewesen. Ihrer Tochter Monika hat sie sich von Anfang an gewidmet. Vielleicht zu viel, sagt Monika. „Es gibt ein Bild, da war ich vielleicht zwei Jahre alt. Meine Mutter hat mich auf dem Schoß und ein Stofftier von mir in der Hand, das ich haben will, an das ich aber nicht rankommen kann. Mit eineinhalb Jahren war ich schon fast sauber. Meine Mutter war sehr stolz darauf.“

Die Mutter war elf Jahre jünger als ihr Mann und kam aus einem strengen Elternhaus. Ihre eigene Mutter, also die Großmutter von Monika, hatte bis zu ihrem Tod einen großen Einfluss auf die Familie Monikas gehabt. Sie hat die Familie auch finanziell immer unterstützt. Monika erinnert sich gern an ihre Kindheit.

„Meine Mutter ist immer für mich da gewesen. Ich habe aber nicht viel Freiheit gehabt. Mein Bruder hatte es viel leichter. Der hat meiner Mutter auf der Nase rumgetanzt. Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich schwimmen lernen wie mein Bruder. Meine Mutter war dagegen, weil es gerade Winter war. Ich hätte mich erkälten können. Ich habe es auch später nicht gelernt. Schon als kleines Kind musste ich immer bei meiner Mutter sitzen, wenn sie Migräne hatte. Einmal, da war sie wieder krank, bin ich heimlich rausgegangen und habe gespielt. Als ich zurückkam, hat meine Mutter laut geweint und gesagt, ich hätte sie im Stich gelassen. Danach habe ich ein schlechtes Gewissen bekommen. Ich habe dann immer gedacht, zur Strafe müsste ich auch krank werden.“

An den Vater denkt sie wenig. „Als ich in die Schule kam, hat er mir manchmal vorgelesen. Märchen und so.“ Aber später wurde er ihr gegenüber gleichgültig. Monika verließ sich ganz auf die Mutter.

In der Schule war sie still. Sie hatte nur wenige Freundinnen und diese immer nur kurze Zeit. Als die anderen mit vierzehn Jahren in die Tanzschule gingen, das war im neunten Schuljahr, ging sie nicht. – „Ich weiß nicht, warum.“

Mit fünfzehn Jahren bekam sie die Regel. Sie war eine ganze Woche krank. In dieser Woche verließ sie ihr Zimmer nicht, weil sie dem Vater und dem Bruder nicht begegnen wollte. Nur die Mutter kam in ihr Zimmer.
„Ich war noch nicht aufgeklärt. Meine Mutter hat natürlich gemerkt, was los war, hat aber überhaupt nichts gesagt. Sie hat mir Binden gekauft und fand es gut, dass ich mich verkrochen habe. Im Bett gelegen habe ich eigentlich nur, weil ich mich so furchtbar geschämt habe.“

Nach der Schule machte sie eine Lehre als Sekretärin. Zu der Zeit ging es der Mutter sehr schlecht, so dass Monika täglich von der Arbeit zu Hause anrief, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Mutter war nörgelig geworden, worunter besonders der Vater zu leiden hatte. Der war schweigsam, arbeitete viel und ging oft weg. Monika hatte Mitleid mit ihm, aber sie war ihm auch böse, weil er sich gegenüber der Mutter überhaupt nicht durchsetzte. Der Bruder war ausgezogen und ließ sich selten zu Hause blicken. Im ersten Jahr ihrer Lehre, sie war gerade 17 Jahre alt, brachte sie gelegentlich ein junger Arbeitskollege mit dem Wagen nach Hause. Ohne genau zu wissen warum, erzählte sie der Mutter zunächst nichts davon. Als sie es schließlich beiläufig erwähnte, wollte die Mutter alles genau wissen.

„Sie hatte nichts dagegen, aber ich merkte, dass es ihr nicht recht war. Sie hat mir immer gesagt, was ich sagen sollte und was ich tun müsste, damit er mich für ein anständiges Mädchen hielt. In der Zeit habe ich stundenlang vor dem Spiegel gestanden. Meine Nase ist zu lang, mein Mund zu klein und ganz dürr war ich damals, hat meine Mutter gesagt.“

Eines Tages lud sie der Arbeitskollege ein. Sie nahm die Einladung an, aber konnte nicht gehen, weil die Mutter an diesem Tag eine schlimme Migräne bekam. Der Arbeitskollege hat sie danach nicht mehr nach Hause gebracht. „Ich war froh darüber, aber meine Mutter hat überhaupt nicht mehr davon gesprochen.“

Einige Zeit später, auf einem Betriebsfest, tanzte ihr Vorgesetzter mit ihr. Sie hatte etwas getrunken und war angeheitert. Das Tanzen machte ihr Spaß. Bei langsamer Musik drückte ihr Tanzpartner sie sehr eng an sich. Er versuchte, sie zu küssen. Sie war erregt, wehrte sich aber gegen das Küssen. „Ich war ganz enttäuscht von dem Mann und habe es gleich zu Hause erzählt. Aber die haben nur gelacht und gesagt, dass mein Chef blöde gewesen sei. Ich habe gar nicht verstanden, was die meinten.“

Mit achtzehn Jahren wurde sie erstmals länger krank. Ihr war schwindelig. Sie musste sich erbrechen, hatte Kopfschmerzen und war nervös. Sie ging zum Arzt. Helfen konnte der nicht. Sie quälte sich auf der Arbeitsstelle, machte viele unbezahlte Überstunden, da sie wegen ihrer Krankheit oft fehlte. Die Lehre beendete Monika nach drei Jahren, aber es ging ihr damals sehr schlecht. Sie hatte oft Angst und schlief nicht gut. Aus ging sie nie. Sie hatte auch genug damit zu tun, sich um die Mutter zu kümmern.

Monika war zweiundzwanzig Jahre alt, als auf ihrer Arbeitsstelle ein neuer Kollege eingestellt wurde. Er war hilfsbereit und machte ihr den Hof. Bald kam er zu Besuch nach Hause und saß dann zu Hause in der Küche, sprach mit Monika und ihrer Mutter. Nach zwei Monaten machte er ihr einen Heiratsantrag, zu Hause in der Küche. Danach ging alles ziemlich schnell. „Meinen Vater hat das gar nicht interessiert. Das hat mich enttäuscht. Ich hatte gedacht, wenn du jetzt verheiratet bist, bist du eine richtige Frau. Ob ich meinen Mann geliebt habe, weiß ich gar nicht genau. Ich wollte heiraten und fand ihn nett. Aber ich habe eigentlich gar nichts von ihm gewusst.“

Die Ehe war enttäuschend. Monika fühlte sich bald vernachlässigt, weil der Mann zwar alles von ihr erwartete, aber sich nicht für sie interessierte. Die Sexualität machte ihr wenig Spaß. Sie ließ es geschehen. Er ging viel allein in Kneipen, zum Fußball oder bastelte am Auto. Am Wochenende besuchten die beiden regelmäßig die Eltern von Monika. Gesundheitlich ging es Monika zu der Zeit leidlich. Öfter hatte sie jedoch Übelkeit, Erbrechen und Angstzustände. Aber von all dem erzählte sie ihrem Mann nichts.

Zwei Jahre nach der Hochzeit kam ein Kind. „Zuerst ging alles gut. Dann wurde ich wieder krank, Kopfschmerzen, Übelkeit, Angstzustände. Ich konnte überhaupt nichts mehr machen. Ich musste ins Krankenhaus. Das Kind kam in der Zeit zu meiner Mutter. Als ich wieder nach Hause kam, war alles viel schlimmer geworden. Ich fühlte mich hundeelend. Mein Mann war ärgerlich. Das Kind konnte ich überhaupt nicht richtig versorgen. Immer hatte es meine Mutter. Das ging fast ein Jahr so.“
Monika ging viel zu Ärzten.

„Eines Abends, da lag so ein Röhrchen mit Schlaftabletten rum. Da habe ich sie plötzlich genommen, ohne mir viel dabei zu denken. Ich dachte, endlich Ruhe vor allem, und kein Mensch braucht sich mehr um mich zu kümmern.“ Monika kam in die Klinik, von dort in ein psychiatrisches Krankenlaus. Nach drei Tagen wurde sie entlassen. Vier Monate später machte sie wieder einen Selbstmordversuch. „Diesmal war es ernster gemeint. Ich habe die Tabletten heimlich gesammelt, denn mein Mann passte auf, dass keine mehr rumlagen.“
Sie nahm vierzig Tabletten. Wieder wurde sie gefunden und kam ins Krankenhaus, von dort in die Psychiatrie. Diesmal blieb sie länger. Die Mutter kam mehrmals in der Woche. „Aber dann bekam ich plötzlich eine unheimliche Wut auf alle. Ich wollte keinen mehr sehen, schon gar nicht mehr meine Mutter oder mein Kind. Als meine Mutter zu Besuch kam, habe ich sie einmal kurzerhand rausgeschmissen. Die hat gedacht, dass ich jetzt endgültig durchgedreht bin. Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich hier bin. Wer ist denn eigentlich schuld, dass ich mich wie ein Dreck fühle? Ich war es satt, immer nur ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich dachte, dass sie mich alle in Ruhe lassen sollten. Wenn ich so blöde und nichtsnutzig bin, kann ich auch hier versauern. Das hat ungefähr vier Wochen gedauert. Diese Wut hat mir aber irgendwie gut getan. Ich weiß nicht warum. In der Klinik war eine Psychologin, mit der ich viel über meine Vergangenheit gesprochen habe. Ich habe da gemerkt, dass ich noch immer ein kleines Mädchen bin, das ohne seine Mutter nicht leben kann. Wenn ich was mache, frage ich nicht, was ich will, sondern was wohl meine Mutter dazu sagt oder höchstens, was mein Mann will. Meine Mutter hat mir auch nicht erlaubt, erwachsen zu werden. Immer hat sie mir gesagt, was ich denken soll und was ich tun soll. Sie hat alles nur gut gemeint, aber ich bin dabei fast draufgegangen. Ich weiß gar nicht, was ich selbst will und was ich bin. Ich glaube, dass ich sogar meinen Mann geheiratet habe, weil er meiner Mutter gefiel. Der versteht sich ja auch mit der viel besser als mit mir.

Mein Mann, der hat nicht mich geheiratet, sondern irgendeine Frau, die ihn versorgen soll. Aber das kann ich nicht, und darum hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Ich habe immer gedacht, was ich mache, das ist nicht genug. Genau wie bei dem Kind. Das gehört jetzt schon fast mehr meiner Mutter als mir. Ich habe danach gemerkt, dass meine Mutter nur leben kann, wenn sie einen hat, für den sie sorgen kann. Erst war ich es, und jetzt ist es mein Kind. Wenn ich mal was aus eigener Kraft für mich tun wollte, wurde sie gleich krank, weinte und hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Und da habe ich Angst bekommen, erwachsen zu werden. Meine ganzen Krankheiten waren nur, um meine Mutter zu beschwichtigen, dass ich ohne ihre Hilfe nicht leben kann. Ich glaube, ich muss jetzt erst mal lernen, wer ich eigentlich bin. Aber wenn ich daran denke, dass ich mal wirklich für mich selbst entscheiden soll, bekomme ich unwahrscheinliche Angst. Ich denke dann gleich, dass mich mein Mann verlässt und meine Familie böse wird auf mich.“

Letztmals aktualisiert: 2012-03-13 11:54:52
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.