Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Seelische Entwicklung

Viele Psychiater gehen davon aus, dass die Psychosen - also Schizophrenie und schwere Depression - körperliche Erkrankungen sind, die durch eine Stoffwechselstörung des Gehirns verursacht werden. Die seelischen Veränderungen, die in ihrem Gefolge auftreten, gelten als Folgen einer Gehirnkrankheit. Eine solche Haltung, wird aus verschiedenen Gründen den Bedürfnissen der Patienten nicht gerecht.

In der modernen Psychiatrie ist darum weniger von Krankheit die Rede als von Störungen. Der Übergang zwischen „normal“ und „Erkrankung“ wird als fließend angesehen. Und so ist es auch. Zwischen schweren seelischen Störungen und einem „normalen“ Zustand gibt es viele Übergänge. Ebenso ist es mit dem Zusammenhang zwischen körperlicher Ursache und seelischem Zustand. Bei manchen seelischen Störungen ist eine körperliche Krankheit eine wesentliche Ursache, bei anderen spielen organische Faktoren kaum eine Rolle. Aber auch wenn wir eine organische Krankheit als Ursache seelischer Störung ausmachen können, ist das seelische Problem damit noch nicht gelöst. Der Patient verliert seine Angst nicht dadurch, dass er weiß, dass sie durch eine Zerstörung bestimmter Gehirnteile verursacht wurde. Auch wenn der Arzt in einem solchen Fall darauf vertrauen kann, dass die Angst verschwindet, wenn er die organische Erkrankung heilen kann, so bleibt die Angst doch eine eigne  Erfahrung, auf die der Patient mit Recht auch eine Antwort erwartet.

Welche Form eine seelische Störung annimmt, das hängt weitgehend von der kindlichen Entwicklung des Menschen ab, und zwar gilt das ziemlich unabhängig davon, ob die seelische Störung rein seelisch verursacht ist oder ob organische Faktoren beteiligt sind. Warum das so ist, davon soll im folgenden die Rede sein.

Beim menschlichen Neugeborenen sind mit der Geburt alle Organe fertig, mit einer Ausnahme: Der Mensch kommt mit einem unfertigen Gehirn auf die Welt. Es dauert das ganze erste Lebensjahr, bis das Gehirn in seinen groben Strukturen ausgereift ist. Bis schließlich auch alle feinen Nervenverbindungen geknüpft sind, vergeht wahrscheinlich auch noch das zweite Jahr -  so ganz genau ist das noch nicht erforscht. Wie es scheint, werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen bis zu einem gewissen Grad ständig neu geknüpft. Man darf daraus aber nicht schließen, dass das Neugeborene von seiner Umwelt nichts mitkriegt. Das Gegenteil ist richtig. Für seine weitere Reifung braucht das Gehirn Anregungen durch Umweltreize. Die Sinnesorgane des Menschen sind mit der Geburt ja fertig, und das Neugeborene ist in der Lage, instinktiv auf unterschiedliche Reize aus der Umwelt zu reagieren. Es sind die Erfahrungen der ersten Lebenstage, -wochen und -monate, die einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns haben. Und man kann sich leicht vorstellen, dass es gerade die frühesten Erfahrungen des Neugeborenen sind, die seine Entwicklung am stärksten prägen. Auch der psychische Apparat des Menschen ist mit der Geburt nicht fertig. Seine Bildung beginnt mit der Geburt und braucht bis zur Ausreifung viele Jahre. Wahrscheinlich findet eine Reifung, wenn auch mit abnehmender Intensität, bis ins Alter statt.

Was mit psychischem Apparat gemeint ist, soll durch ein Beispiel verdeutlicht werden. Wir sehen zum Beispiel auf der Straße einen Menschen und hören ihn reden. Diese Wahrnehmung ist nur möglich, weil die Netzhaut unseres Auges und die Nervenzellen unseres Innenohres bestimmte Erregungen an das Gehirn weiterleiten. Das Eigentümliche ist dabei, dass diese Reize in unserem Körperinneren stattfinden und wir doch eine klare Vorstellung davon haben, dass der Mensch außerhalb unserer Vorstellung existiert, vielleicht 50 m von uns entfernt. Wir sind aber nicht mit unseren Sinnen oder Gehirnzellen 50 m weit weg. Alle Wahrnehmung von äußeren Realitäten finden doch nur in uns statt. Und doch können wir sehr genau unterscheiden, was äußere Wirklichkeit und was eine Ausgeburt unserer Phantasie ist. Diese  Unterscheidungsfähigkeit ist nicht angeboren, wenngleich sicher die Anlage dazu in unserem Gehirn festgelegt ist - so wie wir das Laufen auf zwei Beinen lernen müssen, die Anlage dazu aber mitbringen. In den ersten drei Monaten seines Lebens lernt das Neugeborene, innere Empfindungen von äußeren Wirklichkeiten zu unterscheiden.

Bei einem Menschen mit einer Psychose bricht diese Fähigkeit zusammen. Innere Vorstellungen hält er für äußere Wirklichkeiten: Er hat Halluzinationen. Oder äußere Wirklichkeiten hält er für Ausgeburten seiner Phantasie: Er glaubt, durch seine Gedankenkräfte die Wirklichkeit verändern zu können. Er kann also zwischen seinem Ich und äußeren Realitäten nicht sicher unterscheiden.

Sehr früh lernt der Mensch, dass es angenehme und unangenehme Dinge auf der Welt gibt. Kälte, Hunger, Bauchschmerzen, vielleicht eine nasse Hose und das Alleinsein sind unangenehm. Gestillt werden, die Nähe der Mutter, getragen werden, das sind angenehme Dinge. Manche der unangenehmen und angenehmen Dinge kommen von innen, andere von außen. Aber für den Säugling, der sich eine Vorstellung von der äußeren Realität erst bildet, sind unangenehme Dinge wie alles andere zunächst innere Empfindungen. Aber bald versucht er das Unangenehme, das „Schlechte“, nach außen zu verlagern, um es loszuwerden. Er handelt nach dem Motto: In mir ist nur Gutes, das Schlechte ist da draußen, bei anderen. Diese Aufspaltung ist natürlich nichts anderes als ein primitiver Versuch, das Unangenehme einfach loszuwerden. Manche Menschen versuchen es ihr Leben lang auf diese Weise. Sie finden Fehler nur bei anderen und bei sich selbst nur Gutes. Aber natürlich kann das nicht funktionieren.

Das Hungergefühl zum Beispiel ist „schlecht“, aber kommt von innen, das lässt sich nur schwer über längere Zeit verleugnen. Es geht ferner nicht ohne Komplikationen, das Schlechte durch Verlagerung nach außen loszuwerden. Die Mutter, die einerseits die Quelle alles Guten ist, befriedigt doch nicht immer alle Bedürfnisse des Säuglings sofort und ist insofern auch die Ursache von Unangenehmem, sie ist auch „schlecht“. Die Lösung dieses Dilemmas ist, zu lernen, dass Gutes und Schlechtes vermischt sind. Das quälende Gefühl des Hungers entsteht ebenso im Inneren wie das lustvolle Gefühl, gesättigt zu sein. Die Mutter ist zwar die Quelle von Lust, aber auch von Versagungen; es gibt auch Unangenehmes an ihr. Aber natürlich sollte das Angenehme an der Mutter überwiegen; ebenso wie das Kind zu einer gesunden Entwicklung mehr gute innere Gefühle braucht als schlechte; denn Schlechtes im Inneren oder an der Mutter zu akzeptieren, das geht ja nur, wenn es weniger ist als das Gute. Anderenfalls würde das Selbst oder die Mutter vom Bösen überwältigt.

Ein Mensch, der diesen Schritt nicht vollziehen kann, der daran festhalten muss, dass das Gute vom Bösen radikal geschieden ist, der wird als Erwachsener unbewusst an der Vorstellung festhalten, dass in ihm selbst nichts Schlechtes sein darf. Der kleinste Fehler würde nichts Gutes in ihm übriglassen. Aber alle anderen Menschen sind möglicherweise der Inbegriff des Bösen. Ein kleiner Mangel am anderen beweist jedenfalls, dass nichts Gutes an ihnen ist. Zu konstanten Beziehungen sind sie darum nicht in der Lage; denn wer ist schon ohne Fehler. Ihre Aggressionen verstehen sie als Gegenwehr gegen das Üble der Welt. Sie fühlen sich verfolgt, weil sie selbst so viel Hass haben. Und da sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten panisch verleugnen müssen, können sie nicht sicher sein, wer sie sind. Diese Menschen haben ein unsicheres Identitätsgefühl. Ihre Störung nennt man eine Borderline Störung. Den ersten Typ in dem Kapitel über Persönlichkeitsstörungen und Martin P. in dem folgenden Kapitel über jugendliche Entwicklungsstörungen könnte man dazu rechnen.

Wenn das Kind diesen Entwicklungsschritt geleistet hat, so etwa nach dem ersten Lebensjahr, ist seine psychische Entwicklung natürlich noch nicht abgeschlossen. Es gibt da weitere Klippen. Besonders im zweiten Lebensjahr braucht das Kind viel Bestätigung durch die Eltern. Es ist dies die Zeit, in der die Basis zu einem gesunden Selbstvertrauen gelegt wird. Es weiß jetzt, dass es nicht nur gut ist. Aber es muss lernen, dass es trotz seiner Mängel liebenswert ist. Wer sich in seiner Kindheit mit seinen Fehlern geliebt weiß, der kann sich später auf realistische Weise selbst lieben. Und es leuchtet unmittelbar ein, dass nur derjenige Gutes für andere tun kann, der weiß, dass er selbst zwar fehlerhaft, aber im Kern gut ist. Wo es dem Kind an ausreichender Bestätigung dieser Art fehlt, wird die Grundlage zur späteren Depression gelegt.

Ungefähr mit Abschluss des dritten Lebensjahres hat das Kind seine Individuation abgeschlossen. Es ist jetzt ein Mensch, der sich von der Mutter abgrenzen kann. Aber die psychische Entwicklung ist auch damit noch nicht abgeschlossen. Es beginnt jetzt die ödipale Phase, die im Kapitel über die Neurosen kurz beschrieben ist. Nach Abschluss der ödipalen Entwicklungsphase tritt eine längere Ruhepause ein. Das Kind hat inzwischen den ersten Schritt aus der Familie in die Gesellschaft getan, es geht zur Schule. Seine Entwicklung vollzieht sich in dieser Zeit, die bis zur Pubertät reicht, mehr auf intellektuellem und körperlichem Gebiet. Mit der Pubertät kommt dann noch einmal eine turbulente Entwicklungsphase, in der der Jugendliche lernen muss, mit seinen erwachenden sexuellen Bedürfnissen umzugehen. An die Pubertät schließt sich die Adoleszenz an. In ihr muss der Heranwachsende sich mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten in der Gesellschaft bewähren.

In jeder Phase der Entwicklung kann es zu Störungen kommen. Die Entwicklungsaufgaben, die dem Menschen durch die Zivilisation gestellt sind, sind nie einfach zu lösen und ganz ohne Fehler geht es dabei wohl nie ab. Andererseits sind die meisten Menschen doch in der Lage, ihre Fehler irgendwie auszugleichen. Sie meistern ihr Leben. Manche aber scheitern an den ganz normalen Anforderungen des Lebens, wie Ablösung von den Eltern, Beruf, Partnerschaft. Sollte noch irgendwann eine organische Schädigung des Gehirns dazu kommen, dann greift die Psyche auf Funktionsweisen der Kindheit zurück, weil die weniger kompliziert sind und weniger seelischen Aufwand erfordern als die reifen Funktionen des Erwachsenenlebens. Das ist der Grund, warum sich auch bei organischen Ursachen eine seelischen Störung immer auf Kindheitserlebnisse bezieht.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 10:59:59
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.