Aus dem Tagebuch eines Vaters über seinen Sohn.
„17. 9.
Ich bemerkte, dass Peter im Betrieb
Schwierigkeiten hat.
18. 9.
Besuch von Tante
Käthchen. Sie bemerkt, Peter sei nicht gut. Peter lernt
emsig in Büchern aus dem Betrieb, um sich Kenntnisse
seiner neuen Arbeit zu erwerben.
20. 9.
Peter
kommt nicht von der Arbeit heim. Als ich zum Nachtdienst
kam, stand er in der Empfangshalle. Er zeigte mir zerrissene
Blätter, die er zusammengeklebt hatte. Er sagte: Ich
habe für Herrn Reismann die Blätter fotokopieren
müssen, dann hat er sie zerrissen. Warum, konnte er mir
nicht sagen. Ich erkannte, dass Peter schwer krank sei.
21. 9.
Kehre früh aus dem Nachtdienst heim, um
Peter von der Arbeit zurückzuhalten. Spreche mit Frau
Dr. Zugland, damit Peter krank geschrieben wird.
22. 9.
Peter geht trotzdem zum Dienst. Ich rufe Herrn Landr.
an, um ihm mitzuteilen, dass Peter krank sei. Er wird
heimgeschickt. Peter ist bei Doktor Z. eigenartig und will
nicht krank geschrieben werden. Er grübelt vor sich
hin. Wir machen einen Spaziergang von mehreren Stunden. Bis
er wieder ganz klar sieht. Er hat eine ruhige Nacht.
23.9.
Spaziergang, verbunden mit Yoga. Peter hat
keine Gelegenheit zum Grübeln. Unruhige Nacht. Kommt
jedoch durch Aussprache mit mir wieder zur Ruhe. Lässt
sich dann durch Yoga einschläfern.
24. 9.
Gang zum Krankenhaus. Peter versucht mehrmals
auszubrechen. Nach der Untersuchung geht er zur Stadt. Er
sieht die Menschen wie Tote. Auf dem Rückweg:
Kurzschluss. Im Betrieb: Anruf von Kriminalpolizei.
Einweisung zum Krankenhaus. Peter schläft. Wieder
unruhige Nacht. Peters Traumbericht: Begegnung mit Gott. Ab
drei Uhr schläft er ruhig und tief neben mir. Am Morgen
vollkommen durcheinander. Im Bad alles voll Wasser. Segnet
seine Beerdigung.
25. 9.
Unterhaltung über
den Urlaub mit Hilfe der Aufnahmen. Peter sehr interessiert
und wird wieder klar. Frau schimpft mit mir. Dies sei zu
anstrengend. Peter antwortet: Es ist anstrengend, aber
heilsam. Ich bin wieder ganz klar. Peter bleibt klar bis zur
Nacht. Wieder unruhige Nacht. Peter beantwortet meine
Fragen, wird wieder klar und schläft mit Hilfe von Yoga
ein.
26. 9.
Am Morgen wieder nicht klar. Wieder
Segnung während dem Bad. Kommt durch meine Fragen und
Unterhaltung wieder zu sich. Bleibt vernünftig den
ganzen Tag. Spaziergang mit Onkel Fritz. Wieder unruhige
Nacht. Peter sagt: Ich will aus Buße krank werden. Ich
sage ihm: Das ist wieder Feigheit vor dem Leben. Es ist
keine Buße, die Gott verlangt. Peter wird wieder
normal. Sieht seinen Irrtum ein und schläft fest bis
zum Morgen.
27. 9.
Spaziergang zum Arzt. Im
Krankenhaus. Zurückbestellt für Mittwoch.
Waldspaziergang. Peter sagt: Ich sah die junge
Bäckersfrau als ganz alte Frau in den Wagen einsteigen.
Im Wagen jedoch sah ich sie dann wieder richtig. Auf dem
Spaziergang glaubte er, alles anders zu sehen als sonst. Oft
zeigte er mir Gegenstände und fragte mich, ob es
wirklich so sei. Ich konnte ihm bestätigen, dass er
alles wieder richtig sehe und höre. Am Abend leichte
Schwunggymnastik mit Atemübungen. Peter wird wieder
unruhig in der Nacht. Steht oft auf und kann nicht schlafen.
Nicht so durcheinander wie sonst nachts. Wird nach
Aussprache wieder klar und schläft dann tief ein.
28. 9.
Waldspaziergang mit Herbert. Peter fragt oft,
ob ich diese Bäume so sehe. Ich sah das gleiche, was er
mir schilderte. Alles war richtig. Ebenfalls erkundigte er
sich, ob ich das gleiche höre. Auch dies konnte ich
bestätigen. Im Wald Lockerungsübungen, Gymnastik
und kleiner kurzer Dauerlauf, Atemübungen und Kopf
hoch. Peter hält zum erstenmal seinen Kopf etwa
fünfzehn Minuten hintereinander hoch. Ausgezeichneter
Appetit. Wir sind alle müde. Gehen noch vor 21 Uhr
schlafen. Da Peter jede Nacht oft aufsteht, versuche ich,
ihn gleich mit ins Elternzimmer zu nehmen. Um sein Bett mit
dem meiner Frau zu tauschen. Wie immer, so will er auch
diesmal nicht. Aber wie immer ist er schon kurz nach 22 Uhr
auf der Toilette. Eine halbe Stunde später steht er
angezogen vor seiner Zimmertür. Geht runter ins
Wohnzimmer und schreibt. Dann klagt er über
Magenschmerzen und macht sich eine Haferflockensuppe.
Anschließend schläft Peter ruhig bis zum
Morgen.
29. 9.
Für 10 Uhr bei Herrn Dr.
Siegen im Krankenhaus bestellt. Spaziergang mit Umwegen zum
Krankenhaus. Peter hat Angst vor Hunden. Ist unruhig und
ängstlich. Um ihn mit der Atmosphäre des
Krankenhauses vertraut zu machen, gehe ich mit ihm durch den
Flur, so kann er in jeden Raum sehen. Zuletzt kamen wir zum
Aufenthaltsraum. Dort war auch ein Fischbassin, Fernsehen,
Spiele und Bücher. Er wurde wieder ruhiger. Nach der
ärztlichen Untersuchung war er wieder unruhig. Dennoch
war er bereit, für zwei Wochen im Krankenhaus zu
bleiben. Ich bat den Arzt um Erlaubnis, mit Peter eine
Stunde spazieren zu gehen, daraus wurden mehrere Stunden.
Peter wurde wieder ruhig. Er und ich würden am liebsten
jeden Tag zusammen spazieren gehen. Das wäre für
Peter die beste Heilmethode.
30. 9.
Besuch bei
Peter. Er ist ziemlich apathisch. Freut sich jedoch sehr,
als er mich sieht. Ich bleibe bei ihm sitzen und beruhige
ihn. Er möchte gern wieder nach Hause. Man sagte mir,
dass er nachts aufgestanden wäre, um nach Hause zu
gehen. Im Fernsehen würde er das Bild zweimal sehen,
einmal so und einmal entgegengesetzt. Als ich ihn fragte,
welches Bild das richtige ist, sagte er: Die Mitte ist
richtig. Um 10 Uhr 30 musste ich das Krankenhaus verlassen.
Ich wollte den Arzt sprechen, aber er hatte keine Zeit
für mich.
1. 10.
Am Morgen und am Abend
telefoniert mit dem Krankenhaus, um einen Termin zwecks
Aussprache mit dem Arzt zu erreichen. Vergebens.
3. 10.
Besuch im Krankenhaus. Peter sah nicht gut aus. Er
wollte raus. «Zu Hause kann ich auch schlafen»,
sagte er. Allmählich wurde er ruhiger. Wir gingen dann
eineinhalb Stunden spazieren. Kuchen, Eis und Schokolade
schmeckten ihm gut. Meinen Versuch, von ihm zu erfahren,
welche Fragen der Arzt gestellt hatte, konnte er nicht
beantworten. Er sagte nur: Die üblichen. Er empfand es
nicht für gut, immer die gleichen Fragen gestellt zu
bekommen. Besser ist, wenn man endlich die Sache ruhen
lässt. Peter war sehr schlapp. Wir konnten nur langsam
gehen. Dann füllte er den Fragebogen für eine Kur
aus. Als ich mich um fünf Uhr verabschiedete, hatte ich
den Eindruck, dass er wieder besser aussah. Beim Spaziergang
sagte er noch, er würde alles anders sehen als sonst.
Einmal nah, einmal fern. Wie durch eine rosarote Brille. Das
Fernsehen sehe ich auch einmal so, einmal anders. Auf meine
Frage: Welches Bild ist richtig? sagte er: Die Mitte ist
richtig. Einen Termin zwecks Aussprache mit dem Arzt konnte
mir die Schwester wieder nicht geben, als nur den
allgemeinen, und dann sind so viele da. Als ich mich von
Peter verabschiedete, sagte er noch: Am liebsten würde
ich mit nach Hause gehen.“
Der hier abgedruckte Text stammt aus einem Tagebuch, dass ein Vater von seinem kranken Sohn gemacht hat. Er hat mir dieses Tagebuch zum Lesen gegeben und mir erlaubt, den abgedruckten Teil zu veröffentlichen. Man kann diesem Text entnehmen, wie die Schizophrenie oft verläuft, aber auch, welche eigentümliche Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn besteht.
Das „Ich“ ordnet die verschiedenen Wahrnehmungen, die auf uns einwirken, hält sie zusammen und bezieht sie auf ein einheitliches Bewusstsein. Diese ordnende Fähigkeit des «Ich» kann zusammenbrechen. Verschiedenen Empfindungen können nicht mehr auf ein einheitliches Bewusstsein bezogen werden. Gefühle, Vorstellungen oder Wünsche werden als fremd empfunden. Wirklichkeit und Phantasie sind nicht mehr deutlich getrennt. Peter merkt es und fragt den Vater, ob das, was er sieht und hört, auch wirklich so ist. Wenn man Empfindungen, die aus einem selbst entstehen, z. B. gewisse Gedanken. als fremd erlebt, also den eigenen Gedanken als Stimme hört, nennt man das eine Halluzination.
In Einzelfällen haben wir übrigens alle solche Erlebnisse. Wir sind ganz sicher, etwas gehört, gesehen, gerochen oder gefühlt zu haben, müssen aber schließlich einsehen, dass wir uns geirrt haben. Aber natürlich ist das ein Unterschied zu den Fällen, in denen solche Halluzinationen das Leben des Menschen bestimmen, wie im folgenden Fall. „Durch Monate hindurch schien mir, wenn ich nachts nach Hause ging, so ein Kerl auf dem Nacken zu sitzen. Bei jedem Tritt, den ich machte, nickte er mit, führte spöttische Bewegungen aus, summte. Dann quälten mich die inneren Stimmen wieder so sehr, dass ich manchmal einen förmlichen Waffenstillstand schließen musste. Ich behandelte die Urheber derselben wie selbständige Wesen, obwohl ich wusste, dass sie meinem eigenen Inneren angehören mussten ... Besonders erbittert wurden meine Geister, wenn ich sie gewaltsam zwingen wollte, mir zu gehorchen und meinen Wünschen entsprechend zu handeln. Sie schienen mich dann anzuspucken, drohten mir Ohrfeigen zu geben, mich durchzuprügeln. Je energischer und je länger ich gegen sie auftrat, desto dichter und fühlbarer, sozusagen handgreiflicher, wurden die Gestalten, während sie vorher nur schattenhaft gewesen waren. Es konnte für mich keinen Zweifel mehr geben: Nach naiv-mittelalterlichen Begriffen war ich ‚besessen’.“ *1
Ein Psychiater berichtet über seinen Patienten Walter: „Ich gebe Walter die Hand, die er während der ganzen Zeit umklammert, und er beginnt zu flüstern: ‚Überall springen Kügelchen, die hüpfen und tanzen im Körper. Ich habe eine große Gedankenwelt, die steinhart ist. Das Kügelchen, das ich bin, ist aus der Atomwelt gefallen. Es schwebt jetzt im Weltall herum. Als das eine Kügelchen mit dem anderen Reibung bekam, ist es explodiert.’“ Walter sagt in Symbolen, was er als ursächlich für seinen Zustand empfindet. Er ist ein Kügelchen, das aus der Atomwelt gefallen ist. Er meint, dass er die Beziehung zu anderen Menschen verloren hat und einsam wurde. ‚Als das Kügelchen mit den anderen Reibung bekam, explodierte es.’ Er meint: Als er mit anderen Menschen wieder in Berührung kam, wurde er von aggressiven Gefühlen überwältigt. Er kann sich nicht auf andere Menschen einstellen. Er empfindet sich als böse.*2
Über die Ursache der Schizophrenie bestehen verschiedene Meinungen. Eine Theorie ist, dass es sich um eine Erkrankung des Gehirns handelt. Danach funktionieren gewisse Nervenzellen, Nervenzellenverbindungen oder Stoffwechselmechanismen nicht mehr. Die Schizophrenie wird von diesen Wissenschaftlern darum endogene Psychose genannt. Das heißt, nicht durch äußere (exogene) Ursachen, sondern durch im Kranken selbst liegende innere (endogene) Ursachen hervorgerufen.
Es gibt jedoch einige wichtige Argumente, die gegen diese Theorie sprechen Verhalten und Äußerungen von Schizophrenen mögen uns fremd erscheinen, aber sie haben doch immer einen Sinn. Der Schizophrene spricht in einer Sprache, die wir nicht so ohne weiteres verstehen. Aber sie ist verständlich, wenn man gelernt hat, sie zu übersetzen. Die Schizophrenie ist also nicht einfach ein Ausklinken. Sie wird aus der Entwicklung eines Menschen heraus nachvollziehbar. Die Familiensituation, in der ein Mensch lebt und aus der er stammt, spielt immer eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieser Krankheit. Die Eltern schizophrener Patienten, oft selbst psychisch instabil, sind manchmal so überfürsorglich, dass kein Raum für eine eigenständige Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bleibt.
Peter, dessen Geschichte am Anfang dieses Kapitels abgedruckt wurde, ist ein Beispiel dafür. Sein Vater hat ihn nicht loslassen können. Seine Beobachtungen und Kontrollen gehen über das hinaus, was ein fürsorglicher Vater mit seinem Sohn macht. Man merkt, dass der Vater überhaupt keine Distanz zu seinem Sohn hat. Man hat auch den Eindruck, dass er ihm gegenüber nicht ehrlich ist. Ein Spaziergang zum Krankenhaus, das hört sich so an, als habe er ihn unter dem Vorwand, spazieren zu gehen, ins Krankenhaus gelockt. Kein Wunder, dass Peter misstrauisch ist und den Vater immer wieder fragt, ob seine Wahrnehmung und die des Vaters übereinstimmen.
Manche Menschen, die an einer Schizophrenie erkranken, kommen aus einem Elternhaus, wo sie als Kind einerseits von den Eltern sehr geliebt, andererseits aber unbewusst abgelehnt wurden. Das brachte sie in eine so verwirrende Situation, dass sie sich nur durch Flucht aus der Wirklichkeit diesem Widerspruch entziehen konnten. Bei solchen Kindern kann sich überhaupt kein verlässliches Bild der Wirklichkeit entwickeln, da sie über die wichtigste Grundtatsache ihres kindlichen Lebens keine Gewissheit bekommen konnten: ob sie nun geliebt oder abgelehnt wurden. - Sie meinen, eine Mutter könne doch ihr Kind nicht gleichzeitig lieben und ablehnen? Es gibt vieles, was wir gleichzeitig lieben und hassen.
Gestörte Beziehungen in der Familie, seelische Konflikte, möglicherweise eine veränderte Funktionsweise des Gehirns oder auch Veranlagung spielen eine Rolle bei der Entstehung einer Schizophrenie. Es kommt auch darauf an, von welcher Seite man die Sache sieht. Ein Mensch weint, weil er traurig ist. Oder weint er, weil die Nerven an die Tränendrüsen den Befehl geben: Tränenflüssigkeit produzieren? Natürlich ist meist die Traurigkeit der Grund und die Nervenfunktion eine Folge. So kann auch bei einer psychischen Krankheit der seelische Konflikt das erste sein und die gestörte Tätigkeit von Gehirnzentren eine Folge. Aber ein Mensch weint auch, wenn er eine Zwiebel schneidet. Hier ist nicht das Gefühl der Trauer der Grund für die Tränen, sondern die Ausdünstung der Zwiebel, die die Tränendrüsen reizt. So ist es mit der Psyche auch. Mal ist sie krank wegen seelischer Ursachen, mal weil das Gehirn geschädigt wurde.
Es gibt kein einheitliches Erscheinungsbild der Schizophrenie. Viele Kranke leiden unter einem Gefühl des Realitätsverlustes. Alles kommt ihnen unwirklich vor. „Einmal, als ich im Aufenthaltsraum war, sah ich plötzlich, wie der Saal riesengroß wurde und wie von einem schrecklichen elektrischen Licht erhellt, das keine wirklichen Schatten schuf. Alles war scharf, glatt, künstlich, bis zum äußersten angespannt ... Schüler wie Lehrerinnen schienen Marionetten zu sein, die sich sinn- und ziellos drehten. Ich erkannte nichts und niemand wieder. Es war, als hätte die Wirklichkeit sich aufgelöst, als wäre sie aus all diesen Gegenständen und Leuten entwichen. Eine entsetzliche Angst überfiel mich und ich suchte verzweifelt nach irgendeiner Hilfe.“*3
Andere projizieren eigene Vorstellungen in fremde Personen. Oder sie haben Wahnvorstellungen, erleben als wirklich und fremd, was eigene Regungen des Unbewussten sind. Die Kranken teilen solche Erlebnisse übrigens nicht immer mit. Oft brauchen sie dafür sehr viel Vertrauen.
Es gibt Kranke, deren gesamter psychischer Zustand verändert ist, und es gibt Kranke, die nur ein einziges „Symptom“ haben. Es gibt solche, die haben einmal in ihrem Leben eine schwere schizophrene Phase, andere sind ihr Leben lang krank. Manche bekommen in größeren oder kleineren Abständen aus völliger Gesundheit Krisen, bei anderen wieder bleibt nach der akuten Erkrankung ein Rest. Darum gibt es Ärzte und Therapeuten, die sagen, dass es eine Krankheit Schizophrenie gar nicht gibt. Das sei vielmehr eine Erfindung der Psychiater. Sie sagen, es gibt nur seelische Konflikte, die zu radikalen Verhaltensveränderungen eines Menschen führen können.
„Herbert D., Graveur in einem großen drucktechnischen Betrieb, wurde polizeilich ... eingeliefert, weil er seiner Frau ein Bajonett auf die Brust gesetzt habe, um ihr Geständnis zu bekommen, dass seine Kinder nicht seine Kinder seien. D. nannte die Einweisung ein arrangiertes Manöver seiner Frau, um ihn loszuwerden und ihn ungehemmt weiter betrügen zu können. Er habe gesehen, wie sich der Polizist mit seiner Frau durch Zeichen verständigt habe, durch unanständige Gesten ... Herbert D. wurde mehrere Monate lang beobachtet, ehe man sich für die Diagnose paranoide Schizophrenie entschied, und zwar wegen der Selbsteingesponnenheit des Patienten bei affektiver (gefühlsmäßiger) Gespanntheit und der Neigung, seinen Eifersuchtswahn immer fantastischer auszubauen ...
Ohne damit die Diagnose zu bezweifeln, kann gesagt werden, dass sich viele Eifersüchtige wie Herbert D. verhalten und äußern. Es ist von ärztlicher Seite her auch kaum auszumachen, ob der Verdacht des Patienten begründet war oder nicht. Wäre man zu einer anderen Diagnose gekommen, wenn sich durch einen Zufall herausgestellt hätte, dass D. von seiner Frau tatsächlich betrogen wurde? ... Ohne Zweifel bietet Herbert D. heute das ausgeprägte Bild einer... chronischen Schizophrenie. Ich stelle die Diagnose also nicht in Frage, gebe nur zu erwägen, ob nicht viele Eifersüchtige in einer geeigneten Konstellation die gleiche Chance zu einer schizophrenen Karriere haben.“*4
Es gibt unter Ärzten eine Tendenz, den Begriff Schizophrenie zu vermeiden, weil sie das Gefühl haben dem Patienten dadurch ein unnötiges, belastendes Etikett aufzukleben, das ihm nichts nützt. Die Ärzte sind sich auch nicht ganz einig darin, welches Erscheinungsbild sie mit dem Begriff Schizophrenie bezeichnen sollen. Damit soll nicht gesagt werden, dass es sie nicht gibt, sondern nur, dass es schwierig ist zu sagen, was damit genau gemeint ist. Vielleicht genügt es, hier zu sagen, dass sie ein Zustand ist, in dem der Mensch aufgrund eines ihm unerträglichen seelischen Konflikts aus der Wirklichkeit flieht.
Der Begriff Schizophrenie wird im übrigen auch darum oft vermieden, weil noch viele Menschen glauben, dass er der Name für eine „Geisteskrankheit“ ist und dass die Schizophrenie unaufhaltsam in geistiger Verwirrung endet. Aber das ist falsch. Die Schizophrenie ist keine Störung der Intelligenz. Sie ist eine Störung der seelischen Organisation. Die verschiedenen seelischen Kräfte streben auseinander und können nicht mehr sinnvoll zu einem Ganzen organisiert werden. Die meisten schizophrenen Erkrankungen bilden sich schnell zurück, andere kommen zwar wieder, beeinträchtigen aber den Menschen in der Zwischenzeit nicht oder nur begrenzt. Nur ein Teil der Fälle wird chronisch. Die Patienten selbst benutzen neuerdings oft den Begriff „Psychiatrieerfahrene“.
Eine angemessene Behandlung der schizophrenen Erkrankungen ist in erster Linie Psychotherapie. Aber leider wissen die wenigsten Psychotherapeuten damit umzugehen. In den meisten Fällen sind zusätzlich Medikamente, die sogenannten Neuroleptika, unverzichtbar. Aber die werden oft zu hoch dosiert. Eine geringe Dauermedikation reicht im Regelfall aus, um einen Rückfall zu verhindern, vorausgesetzt es gibt Psychotherapie oder auch rehabilitative Maßnahmen. Zwischenzeitlich hatte sich auch eingebürgert, jedem Menschen mit einer Schizophrenie einen Betreuer, sprich Vormund, an die Seite zu stellen. In der Mehrzahl der Fälle ist das völlig überflüssig und beraubt den Menschen der Zuversicht, dass er sein Leben auch alleine regeln kann.
*1 Aus: L. Staudenmair: Visionen in den Isarauen.
In: Tintenfisch 13, 1978, S. 73 f
*2 Nach: J.
Foudraine: Wer ist aus Holz? dtv 1163. München 1976,
S.44
*3 Aus: M. Sechehaye: Tagebuch einer
Schizophrenen, edition suhrkamp Nr. 613. Frankfurt 1973, S.
16
*4 Aus: H. Kipphardt: März. rororo Nr. 4259.
Reinbek 1978. S. 149f