Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Psychosomatische Erkrankungen

Frau Sabine L., 40 Jahre, Hausfrau, verheiratet, eine Tochter, ist seit zwanzig Jahren krank. Immer wieder leidet sie an Herzbeschwerden, Doppeltsehen, Anfällen von Bewusstlosigkeit. Dann wieder hat sie Kopfschmerzen, Schmerzen in den Muskeln, im Bauch. Ständig ist sie müde und oft weinerlich oder gereizt. Sie ist eine treue Patientin ihres Hausarztes und war früher wiederholt in der Universitätsklinik ihrer Stadt. Sie war beim Frauenarzt, beim Neurologen, beim Rheumatologen. Wegen der Herzbeschwerden war sie auch einmal in einer Spezialabteilung stationär untersucht worden. Geholfen hat alles nichts. Sämtliche Untersuchungen blieben ohne Ergebnis. Jetzt nimmt Frau L. seit vielen Jahren Beruhigungsmittel, die ihr ein wenig Linderung verschaffen. Erst nach zwanzig Jahren geht Frau L. auf, dass ihre Beschwerden in einem Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte stehen.

Frau L. ist im Schatten ihrer jüngeren Schwester aufgewachsen. Sie fühlte sich auch nach ihrer Heirat weiterhin benachteiligt, weil ihre Eltern unablässig Forderungen an sie stellen und ihr gleichzeitig unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie die Schwester bevorzugen. Aus Angst vor Vergeltung ist sie nicht in der Lage, sich innerlich von den Eltern abzulösen. Vielmehr brachte sie es unbewusst dahin, dass noch eine ähnliche Situation mit ihren Schwiegereltern zustande kommt, wobei sie sich da von einer Schwägerin überflügelt und verdrängt fühlt. Als zusätzliche Neuauflage ihres Rivalitätskonfliktes entfaltet sie unbewusst eine Rivalitätsbeziehung zu ihrer eigenen Tochter, durch die sie sich bei ihrem Ehemann ausgestochen fühlt.*1

Durch eine kurze psychotherapeutische Behandlung, die achtundzwanzig Gespräche innerhalb eines Zeitraums von etwa eineinhalb Jahren umfasst, wird ihr das alles klar. Frau L. erkennt, dass ihre körperlichen Beschwerden Ausdruck eines tiefen und weit zurückreichenden seelischen Konflikts gewesen sind.

Wenn körperliche Beschwerden durch seelische Konflikte ausgelöst werden, spricht man von psychosomatischer Krankheit. Es gibt davon zwei Formen: In einem Fall haben die Kranken Beschwerden z. B. am Herzen, am Magen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Anfälle von Bewusstlosigkeit oder anderes. Die körperliche Untersuchung ergibt aber nie einen krankhaften Befund, so wie bei Frau Sabine L. Diesen Menschen wird oft vorgeworfen, sie bildeten sich ihre Beschwerden nur ein. Kaum einer glaubt ihnen ihre Schmerzen so richtig, da alle ärztlichen Untersuchungen ergebnislos verlaufen. Aber wenn auch kein krankhafter organischer Befund vorliegt, beweist dies nicht automatisch, dass der Betreffende keine Beschwerden hat. Die Seele kann verdammt weh tun.

Im anderen Fall sind die Betroffenen auch organisch krank und es besteht eine Kombination von körperlicher und seelischer Ursache. Ein Mensch kann zum Beispiel eine erbliche Anlage zum Lungenasthma haben. Kommen seelische Konflikte hinzu, bricht diese Krankheit irgendwann wirklich aus. Viele Kranke wissen, dass Ärger, Enttäuschung und andere Erlebnisse ihre Krankheit verschlimmern können.

Welche Krankheiten werden seelisch verursacht oder wenigstens mitverursacht? Wir wissen es nicht genau, aber es sind wohl mehr, als man glauben möchte. Wir alle kennen diesen Typ Mann: Er hält hartnäckig an selbstgestellten Zielen fest, ist besonders ehrgeizig, hungrig nach Erfolg und sozialer Bestätigung. Er entspricht ziemlich exakt dem Idealbild des Mannes der Leistungsgesellschaft. Seine Eigenschaften verheißen Aufstieg und maximales männliches Prestige. Er, der energiegeladene, ehrgeizbesessene Tatmensch, der sich durchsetzt und sich nirgends klein kriegen lässt. Beschwerden spielt er herunter und den Besuch beim Arzt scheut er. Stets stellt er sich als gesund, fit und stark dar. Er ist nicht klagsam und nicht wehleidig. Dafür bekommt er doppelt so häufig einen Herzinfarkt in seinem Leben wie der Mann mit den entgegengesetzten Eigenschaften: der sensibel ist, leiden kann, nicht ehrgeizig ist, sondern eher verträumt, vielleicht auch gehemmt oder unsicher. Unser Supermann bezeugt in den Jahrzehnten vor seinem Infarkt, in denen er den Arzt meidet, seine fabelhafte Fitness und Beschwerdefreiheit. Er zermürbt sich so in einem unsichtbaren chronischen Prozess. Er hat sich oft längst schon gesundheitlich ruiniert, wenn er immer noch aufgrund seines Benehmens als Inbegriff körperlicher Stabilität bewundert wird, bis er dann eines Tages scheinbar aus „heiterem Himmel“ mit einem Infarkt zusammenbricht.*2

Auch der gehemmte, unsichere Mann oder die ängstliche, immer besorgte Frau haben ihre typischen Krankheiten, zum Beispiel ein Magenleiden oder Verdauungsbeschwerden. Und nicht jeder Mann, wie er oben als Supermann beschrieben wurde, wird mit Notwendigkeit einen Herzinfarkt bekommen. Es soll hier nur deutlich gemacht werden, dass körperliche Krankheiten durch seelische Konflikte beeinflusst, in manchen Fällen sogar verursacht werden können. Typische sind: Magenschleimhautentzündung, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür, Dickdarmentzündung, Durchfallerkrankung, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Asthma, Rheuma, Schilddrüsenerkrankungen, viele Hautkrankheiten, Allergien. Vielleicht sind es noch viel mehr. Eine Grippe zum Beispiel wird von Viren verursacht. Aber bei einer Grippeepidemie werden einige Menschen krank, andere bleiben verschont. Seelische Faktoren, sagen viele Forscher, sind es, die mit dazu beitragen, ob jemand sich die Grippe fängt oder nicht. Der Volksmund gibt da einige Hinweise. Wir sagen, jemand ist „verschnupft, er „zerbricht sich den Kopf“, hat „etwas in den falschen Hals bekommen“, etwas ist ihm „auf den Magen geschlagen“ oder „macht ihm Bauchweh“. Diese Ausdrücke beschreiben körperliche Zustände, meinen aber seelische Zustände.

Unter welchen Bedingungen sich seelische Probleme in körperlichen Krankheiten niederschlagen, weiß man nicht genau. Dass aber seelische Regungen in körperlichen Reaktionen ihren Ausdruck finden, ist ja nichts Besonderes. Wir werden blass vor Schreck, rot vor Freude, und manch einer bekommt Durchfall vor einer Prüfung. Man könnte sich denken, dass Menschen, die ihre Gefühle von Ärger, Freude, Trauer usw. nicht wahrhaben können, diese durch Reaktionen des Körpers ausdrücken müssen. Irgendwie müssen die Gefühle ja schließlich ihren Ausdruck finden.

Frau Dr. K. ist eine dreiundvierzigjährige unverheiratete Ärztin, die an einem medizinischen Forschungsinstitut arbeitet. Sie ist erst kürzlich an das Institut gekommen und beteiligt sich an einer Studie über den Gehirnkreislauf, die ihr Kollege, Herr Dr. A., durchführt. Die Versuchstiere, an denen die Experimente durchgeführt werden, sind Ratten. Frau Dr. K. entwickelt schnell ein sehr bewunderndes Verhältnis zu ihrem neuen Chef und bekommt nach einigen Monaten - vielleicht weil sie auch etwas eifersüchtig auf die besondere Stellung von Dr. A. ist - Krach mit diesem Kollegen. Aber sie kann diesen Streit nicht offen zugeben, der Chef würde eher zu Herrn Dr. A. halten, der erfahrener und wichtiger für das Institut ist. Acht Tage später bekommt sie eine schwere Allergie gegen Ratten. Wenn sie auch nur den Rattenstall betritt, schwellen Gesicht, insbesondere die Augenlider, an. Frau Dr. K. muss die Zusammenarbeit mit Herrn Dr. A. aufgeben. Es scheint, als habe ihr die Krankheit dabei geholfen. Frau Dr. K. braucht sich nicht einzugestehen, dass sie eigentlich auf Dr. A. allergisch reagiert, sprich: eifersüchtig ist. Sie braucht keinen Streit zu beginnen oder zum Chef zu laufen, um die Zusammenarbeit mit Dr. A zu beenden. Ihre Allergie erledigt das gewissermaßen für sie.

*1  Nach: Psyche 32 (1978), S. 905
*2  Nach: H. E. Richter: Lernziel Solidarität. Rowohlt. Reinbek 1974. S. 43

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:00:55
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

Dieses Buch bei Amazon
Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.