Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Persönlichkeitsstörungen

Sie kennen bestimmt einen solchen Menschen: Jeder hat Krach mit ihm. Kaum zu glauben, woran dieser Typ etwas auszusetzen hat und mit wem er Streit hat. Manchmal findet er jemanden, mit dem er ein paar Wochen gut auskommt, dann ist der Krach wieder da. Die Familie stöhnt und sagt es jedem: Mit dem ist kein Auskommen. Entsprechend ist er oft allein und meidet gesellschaftliche Ereignisse. Schließlich vermutet er hinter den harmlosesten Dingen Intrigen, die gegen ihn gesponnen werden. Vielleicht gehört er auch zu den Menschen, die sich ständig bei Behörden beschweren, tausend Eingaben machen und anscheinend nichts lieber tun als prozessieren. Vielleicht hatten Sie irgendwann einmal den Gedanken: ein armer Mensch. Und wenn Sie in dieser Stimmung mit ihm ins Gespräch kamen, haben Sie vielleicht etwas davon gespürt, dass dieser Mensch wie in einem Gefängnis lebt. Er baut Mauern aus Feindseligkeit um sich herum und ist darin einsam. Vielleicht haben Sie sogar etwas von der Depression gemerkt, die in ihm steckt und vor der er sich nur durch seine Aggressivität nach außen schützen kann.

Das ist aber nicht der einzige Typ, der das Zusammenleben manchmal schwer macht. Da gibt es den, der sich immer in den Mittelpunkt drängen muss. Der Aufschneider, der die tollsten Geschichten zu erzählen weiß, alles kann, vieles verspricht und kaum etwas hält, der, wenn er Glück hat und geschickt ist, kurzfristig blendet und Erfolg hat. Selbstverständlich hat er auch in der Liebe nur Erfolge. Er lässt uns vor Neid erblassen. Meist werden es aber immer weniger Leute, die ihm glauben oder seine ständigen Selbstbespiegelungen ertragen können. Über kurz oder lang merkt es jeder: Kaum etwas von allem stimmt. Teilerfolge täuschen nicht darüber hinweg, dass dieser Mensch es nötig hat. Hinter dem Getue, dem Scheinerfolg, steckt ein unendlich unsicherer und ängstlicher Mensch, der in sich zusammenbricht, wenn er mal nicht ankommt, wenn er mal nicht bewundert wird.

Es gibt auch den eiskalten Typ, der sozusagen über Leichen geht; sehr erfolgreich, zum Beispiel in Chefetagen. Nie zeigt er eine Gefühlsregung, weder anderen noch sich selbst gegenüber. Dabei muss er gar nicht ohne Menschlichkeit sein. Aber auch seine Moral ist kalt und macht eher den Eindruck einer Rechnung. Nur der Ehepartner weiß vielleicht, dass dieser Mensch in der Tiefe seiner Seele sehr empfindsam ist. Er oder sie ahnt vielleicht, dass er sich nur darum keine Gefühlsäußerungen erlauben kann, weil sie ihn sonst überwältigen würden.

Sind diese Menschen krank? Nein. Sie fühlen sich auch nicht so. Sie kommen auch in der Regel nicht in psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Vielleicht wird der Streithahn zunehmend unter  Verfolgungsängsten leiden. Unser Star bekommt vielleicht irgendwann eine „unerklärliche“ Depression und unser Erfolgsmensch wird, wenn überhaupt, einen Herzinfarkt, ein Magengeschwür oder etwas anderes bekommen. Seine Ärzte und er werden nicht daran denken, dass es etwas mit seiner verhungerten Seele zu tun hat.

Es sind schwierige Menschen. Und schwierig sind sie, weil ihre hervorstechenden Charakterzüge durch keine Diskussion zu beeinflussen sind. Ihre Eigenschaften machen sie zu Opfern ihrer selbst, getrieben und gehetzt von ihrem Misstrauen, ihrer Sucht nach Beifall und nach Erfolg. Sie denken, dass sie aus freien Stücken handeln oder weil es so notwendig ist. Aber jeder andere merkt, dass sie nicht anders können. Sie sind nicht frei.

Diese drei Beispiele zeigen etwas davon, wie Charaktereigenschaften begründet sein können. Unser Streithahn zum Beispiel sollte doch sehen, dass die Menschen ihm gar nicht besonders übelwollen; wenn er es nicht selbst wäre, der sie immer verdächtigen würde. Sein Misstrauen hat mit der Wirklichkeit gar nicht viel zu tun. Das Böse, das er den anderen zuschreibt, entstammt seiner eigenen Phantasie. Weil er dieses Böse seiner Phantasie nicht aushalten kann, verlagert er es in andere. Der Mechanismus ist so: Er hat eigene unbewusste aggressive Phantasien. Diese kann er aber nicht ertragen und schreibt sie anderen zu. Da er nun vermutet, jedermann sei ihm böse gesonnen, versucht er sich zu verteidigen und wird selbst aggressiv. Das wiederum macht seine Umwelt ärgerlich und sie streitet sich mit ihm. Dadurch sieht er sich bestätigt. Jeder meidet ihn oder streitet mit ihm. Der entscheidende Punkt ist hier, dass er Phantasien, die aus ihm selbst stammen, nicht als seine eigenen anerkennen kann. Die Verschiebung auf andere ist eine Entlastung; denn mit den eigenen bösen Phantasien zu leben und sie als Teil des eigenen Selbst anzuerkennen, ist nicht leicht. Oder fällt es Ihnen leicht, zuzugeben, dass in Ihrer Phantasie eine Menge sehr aggressiver und unschöner Vorstellungen vorhanden sind? Sie kommen in uns allen vor. Gott sei Dank eben nur in der Phantasie, wo sie ungefährlich sind, solange wir sie kennen.

Bei unserem „Star“ ist der Mechanismus leichter zu erkennen. Er hat eine so unsichere Meinung von sich selbst, dass er ständigen Beifall von anderen braucht. Unser Erfolgsmensch ist dagegen schwerer zu verstehen. Vielleicht hat er in Wirklichkeit so starke Gefühle, dass er fürchten muss, von ihnen überschwemmt zu werden, falls er einmal die Schleusen öffnet. So ist er ständig auf der Hut, und seine Devise ist: Ja nicht irgendwelchen Gefühlen nachgeben.

Übrigens, um zu lernen, das Böse unserer Phantasie auszuhalten und nicht auf andere Menschen zu projizieren, müssen wir als Kind die Erfahrung gemacht haben, dass wir auch mit unseren schlechten Eigenschaften akzeptiert werden. Ein sicheres Selbstbewusstsein haben wir nur dann, wenn wir erleben konnten, für andere wichtig zu sein, gleichgültig, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Und Mut zu Gefühlen hat nur, wer sicher sein konnte, dass seine Umwelt damit behutsam umging.

Eigentlich ist es problematisch, von Persönlichkeitsstörung zu sprechen, auch wenn ein Mensch sehr ungewöhnliche Eigenschaften hat, die anderen nicht gefallen. Sofern ein Mensch mit seinen Eigenschaften zufrieden ist, kann man eigentlich nicht von Störung sprechen, weil das ja immer nur ein Urteil der anderen ist. Das hat nichts damit zu tun, dass jedermann seine Handlungen verantworten muss. Wenn er anderen oder der Gesellschaft schadet, haben die auch ein Recht, ihn zur Verantwortung zu ziehen.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:00:21
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.