Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Organische Psychose

Robert E., von Beruf technischer Zeichner, hatte eine unauffällige Kindheit. Mit dreiundzwanzig Jahren heiratet er. Im dritten Jahr der Ehe wird eine Tochter geboren. Mit sechsundzwanzig wird Herbert krank.

„Ich heiße Herbert E. Ich bin dreißig Jahre alt. Ich bin an einer Kupferspeicherkrankheit erkrankt, sie heißt Wilsonsche Krankheit. Der Autor dieses Buches hat mich gebeten zu schildern, wie diese Krankheit angefangen hat und ihren weiteren Verlauf.

Das erste Mal machte sich die Krankheit vor vier Jahren bemerkbar. Das drückte sich so aus: In Köln wird Karneval ganz großgeschrieben, aber besonders bei mir. Ich feierte von Donnerstag bis Dienstag immer durch, so dass meine Stimme dienstags so heiser war, dass ich kaum sprechen konnte. Der Karneval verlief schon etwas anders. Die Fröhlichkeit wollte nicht so richtig aufkommen, und diesmal war ich gar missmutig. In den zwei Jahren danach habe ich gearbeitet wie zwei Pferde. Das war meiner Meinung nach das letzte Aufbäumen, bevor heimtückisch und ganz langsam ausbrach. Ich selber bemerkte es daran, dass mir die Arbeit langsam immer schwerer fiel. Meiner Frau fiel auf, dass meine Hände immer zitterten. Mir wurde jetzt auch von Kunden des öfteren gesagt, dass ich eine saftige Aussprache hatte. Das war früher nie der Fall. Weihnachten  fing dann ein starker Speichelfluss an, in und aus meinem Mund. Dann wurde meine Sprache immer langsamer, und meine Kräfte und Potenz ließen immer mehr nach. Ich bettelte meine Frau an, sie solle von mir weggehen, damit sie nicht mit mir untergehe. Sie ging nicht.

Jetzt bin ich krankgeschrieben, und im Mai ging ich dann in die Nervenklinik. Nach der Untersuchung hatten die Ärzte nach eineinhalb Monaten die Krankheit mit absoluter Sicherheit gefunden. Danach musste ich eine Diät einhalten und Medikamente schlucken. Nach meiner Entlassung Ende Juli habe ich peinlich darauf geachtet, dass alles richtig eingehalten wird. Trotzdem verschlechterte sich mein Zustand stetig.

Silvester fing die Tragödie unserer Ehe an. Da habe ich meine vorher so heißgeliebte Frau zum erstenmal sehr misshandelt. Da ich selber auch nicht mehr Kraft hatte als meine Frau, konnte sie sich noch einigermaßen zur Wehr setzen. Daraufhin machte sie einen sehr großen Fehler. Sie ließ mich in die geschlossene Abteilung in die Nervenklinik einliefern. Anstatt durch Liebe meine Liebe zurückzugewinnen. Die Pfleger und Ärzte hielt ich so in Atem, dass sie mich in die Psychiatrie bringen ließen. Da kam ich zu einem Arzt. (Es war so, als käme ich aus der Hölle ins Paradies.) Ich habe meine Frau noch öfter misshandelt, bis meine Frau von mir ging. Heute glaube ich, dass ich sie aus Liebe gehasst und misshandelt habe.

Nachdem meine Frau und meine vierjährige Tochter (ein süßes und sehr liebes Kind) eineinhalb Monate von mir gegangen waren, setzte eine rapide Besserung meines Zustandes ein, und die Liebe zu meiner Frau kam zurück. Sie wurde inniglicher als je zuvor! !!“

Herr E. wird im Verlauf der Krankheit wiederholt in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Als Ursache geben die einweisenden Ärzte Aggressionen an. Die Ehefrau ist eine noch recht junge, attraktive, jedoch sehr gehemmte Frau. Sie wirkt hilflos angesichts der Krankheit des Mannes und versucht ihrem Mann dadurch gerecht zu werden, dass sie ihm möglichst alles an Arbeit und Verantwortung abnimmt. Während des Gesprächs kann sie über die Schwierigkeiten mit ihrem Mann kaum etwas sagen und weint viel. Auch mit ihrem Mann kann sie nicht über seine Krankheit sprechen. Vor seiner Erkrankung war sie offensichtlich sehr von ihm abhängig. Der Patient fühlt sich nun ihr gegenüber beschämt wegen seiner Schwäche. Er versucht mit Gewalt, die alten Herrschaftsverhältnisse in der Ehe zu erhalten. In der letzten Zeit ist er der Frau gegenüber sehr misstrauisch.

Der erste Aufenthalt in der Klinik dauert sechs Wochen. Sechs Stunden nach der Entlassung kommt Herr E. mit blauen Flecken zurück. Er hat am Bahnhofskiosk ein Eis verlangt. Wegen seiner langsamen, behinderten Sprache hat man ihn für betrunken gehalten und ihm das zu verstehen gegeben. Daraufhin hat es eine Prügelei gegeben.

Seine Frau verlässt ihn schließlich, und er lebt einige Monate allein in der Wohnung. Als er wieder eingewiesen wird, ist er völlig abgemagert, die Haare sind angebrannt, das Gesicht rußig. Er war mit dem Ofen nicht fertig geworden, und es hatte einen kleinen Brand gegeben. Die herbeigerufene Feuerwehr veranlasste die erneute Einweisung. Er bleibt diesmal zwei Wochen im Krankenhaus. Nach der Entlassung kommt Herr E. eines Tages zu einem ambulanten Besuch. Er hat vor einigen Wochen seine Wohnung aufgegeben und lebt jetzt bei seinen Eltern. Er beschäftigt sich viel mit Malen. Herr E. ist gekommen, um vom Arzt zu erfahren, ob seine Krankheit schlimmer wird. Der Arzt muss diese Frage bejahen. Herr E. weint. Er spricht dann davon, dass seine Tochter eine gute Erinnerung von ihm behalten soll. Im Anschluss an das Gespräch schreibt er den obenstehenden Bericht.

Wenn geistige oder seelische Veränderungen durch eine körperliche Erkrankung verursacht werden, spricht man von organischer Psychose. In Frage kommen verschiedene Krankheitstypen.

1. Krankheiten, die wahllos irgendwelche Teile des Gehirns zerstören: Das können sein: Gehirntumoren, Blutungen in das Gehirn, Verletzungen des Gehirns, Schlaganfälle (das sind Zerstörungen von Gehirnteilen durch Unterbrechung der Blutversorgung, z. B. bei Arterienverkalkung, die die Blutgefäße des Gehirns verstopft).

2. Krankheiten, die bestimmte Bestandteile des Gehirngewebes, also zum Beispiel nur die Nervenzellen in bestimmten Zentren oder bestimmte Nervenbahnen, zerstören. Dazu gehören die multiple Sklerose, die Hirnerweichung nach unbehandelter Syphilis (früher häufig, heute sehr selten), manche Formen der Hirnentzündung (Enzephalitis), der Spätzustand nach extremem langjährigen Alkoholmissbrauch, die Schüttellähmung (Parkinsonismus), der Veitstanz (Chorea).

3. Auch langdauernde und schwere Störungen des Stoffwechsels oder des Hormonhaushaltes, Sauerstoffmangel, Arzneimittelschäden und Vergiftungen können zu vorübergehenden oder langandauernden psychischen Störungen führen, indem sie das Gehirn schädigen.

Zerstörungen des Gehirns führen aber nicht nur zu seelischen, sondern fast immer auch zu körperlichen Störungen. Das liegt daran, dass das Gehirn zentrale Schaltstelle für alle seelischen und körperliche Funktionen ist. Körperliche Störungen, die als Folge von Gehirnschäden auftreten können, sind: Lähmungen, Beeinträchtigungen des Sehvermögens, des Hörvermögens, der Sprache, der Blasen- und Mastdarmtätigkeit, des Gefühls, des Schluckens und so weiter. Natürlich können seelische Störungen und Störungen der Körperfunktionen auch zusammen auftreten. Das ist sogar häufig der Fall, besonders wenn Krankheiten des Gehirns einen größeren Umfang haben.

Welche Störungen als Folge von Gehirnkrankheiten vorliegen, hängt davon ab, welche Teile des Gehirns betroffen sind. So führt eine Zerstörung von hinteren Teilen des Gehirns unter Umständen zur Beeinträchtigung des Sehvermögens oder der Bewegungsabstimmung. Zerstörungen in der Schläfengegend können Sprachbehinderungen zur Folge haben. Zerstörungen in der Scheitelgegend oder im Inneren des Gehirns verursachen meist Lähmungen einzelner Körperglieder.

Im Inneren des Gehirns liegen Zentren, die einen Einfluss auf die Bewusstseinslage, das heißt den Wachheitszustand haben, und andere Schaltstellen, die die Bewegungsfähigkeit der Glieder regeln. Psychische Veränderungen kommen vor allem dann vor, wenn vordere Anteile des Gehirns oder im Inneren liegende Zentren betroffen sind. Dann kommt es zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, Verwirrtheit und Beeinträchtigung des Denkvermögens. Es ist auch möglich, dass sich die Persönlichkeit verändert. Der Patient entwickelt sonderbare Eigenarten, leidet unter Leistungsschwäche und anderen psychischen Störungen. Wenn die Schädigung des Gehirns plötzlich eintritt, wie zum Beispiel bei Blutungen oder bei Verletzungen, kommt es fast immer zu Beeinträchtigungen des Bewusstseins. Bewusstlosigkeit ist fast immer auch der Endzustand bei solchen Gehirnkrankheiten, die zum Tode führen.

Herr N. kommt mit seiner Frau in die Sprechstunde. Herr N. ist vierundfünfzig Jahre alt, von Beruf Schornsteinfeger und vor einem halben Jahr wegen einer Hirnblutung am Gehirn operiert worden. Damals hatte Herr N. morgens plötzlich Kopfschmerzen bekommen, und er wurde schläfrig. Bis zum Nachmittag war er ganz benommen. Schließlich wurde er bewusstlos. Nach der Einweisung ins Krankenhaus war er sofort am Gehirn operiert worden. Es stellte sich heraus, dass eine Ader geplatzt war und das heraussprudelnde Blut einige Teile des vorderen Gehirns zerstört hatte. Die Operation hatte er gut überstanden. Frau N. erzählt, dass es ihrem Mann jetzt zwar körperlich gut gehe, dass er aber seit der Operation ständig uninteressiert herumsitze. Wird er angesprochen, fängt er sofort an zu weinen, egal was das Thema ist. Herr N. bestätigt das und bricht dabei sofort in Tränen aus. Er sagt: „Ich kann das gar nicht verhindern.“ Und im übrigen fühlt er sich so, dass er am liebsten nicht mehr leben will. Das Weinen ist ihm ganz fürchterlich. Im weiteren Gespräch ergibt sich, dass auch Frau N. sehr unglücklich über die Krankheit des Mannes ist. Sie berichtet, dass er jeden Kontakt mit anderen Menschen meidet, dass er zu nichts mehr Lust hat. Anfangs habe er Schwierigkeiten mit der Sauberkeit gehabt, das ist aber besser geworden. Er sei im übrigen impotent. Die Rente ist jetzt beantragt und werde wohl auch genehmigt.

Herr N. leidet an einer schweren Depression mit Zwangsweinen. Beides ist offensichtlich durch die Operation und die Hirnblutung ausgelöst. Darüber hinaus sind beide Eheleute durch den Schock der Operation in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit geraten und verstärken sich gegenseitig in ihrer Depression. Es ist wichtig für die Eheleute zu wissen, dass der Körper mindestens ein Jahr braucht, um sich nach der Operation zu erholen. Zweitens kann Herr N. durch Übung vieles an Fähigkeiten wieder erlernen. Dabei hilft ein Übungsprogramm. Drittens erhält Herr N. vorübergehend ein beruhigendes Medikament, das ihm Ängste nehmen soll, so lange, bis sein Selbstvertrauen durch die noch zu erwartende Besserung wieder gestärkt ist.

Ein Jahr später geht es Herrn N. besser. Er kann seiner Frau im Haushalt viel abnehmen. Gelegentlich trifft er sich auch mit früheren Kollegen zu einem Bier. Die Rente ist inzwischen durch. Das Zwangsweinen ist nicht ganz weg, tritt aber nur noch bei sehr heftigen Aufregungen auf. Die Eheleute haben einen Zustand erreicht, der tragbar ist. Frau N. kann die Behinderung ihres Mannes durch ihre eigene berufliche Aktivität etwas ausgleichen. Herr N., der noch an seiner Arbeitsunfähigkeit leidet, hat in der Nachbarschaft ein Ehepaar gefunden, auf dessen Kinder er einmal in der Woche aufpasst. Die Mutter der Kinder ist dadurch einen Tag für Erledigungen in der Stadt entlastet und Herr N. fühlt sich wieder nützlicher.

Die Behandlung bei organischen Psychosen richtet sich nach der Art der Krankheit, die ihr zugrunde liegt. Gehirnteile, die zerstört sind, können vom Körper nicht wieder ersetzt werden. Aber andere Zentren des Gehirns können mit der Zeit und zum Teil die Aufgabe der zerstörten Zentren übernehmen. Wenn zum Beispiel unmittelbar nach einem Schlaganfall der rechte Arm oder das rechte Bein völlig gelähmt sind, kann es gut sein, dass nach vierzehn Tagen der Arm wieder vollständig, und das Bein weitgehend bewegt werden kann. Genauso verhält es sich mit seelischen Funktionen. Sie können oft neu erlernt werden. Es kommt jedoch auch vor, dass das Erlebnis der Krankheit zu seelischen Störungen führt, die dann irrtümlich für die Folge einer Hirnschädigung gehalten werden.

Es gibt Gehirnkrankheiten, wie zum Beispiel die Chorea (Veitstanz), die man nicht zum Stillstand bringen kann. Durch Medikamente und durch Übungen ist Linderung möglich. Auch das Tempo, mit dem die Krankheit verläuft, kann unter Umständen gedrosselt  werden. Dennoch läuft der Krankheitsprozess unaufhaltsam weiter. Bei anderen Krankheiten kommt der Prozess zum Stillstand, wie zum Beispiel bei Herrn N. Schließlich gibt es Gehirnkrankheiten, die durch richtige Behandlung ausheilen können, wie zum Beispiel eine Hirnhautentzündung.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:01:43
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.