Die alltäglichen Verrücktheiten bleiben oft verborgen. Und wenn sie nicht zu verbergen sind, finden sich viele Rechtfertigungen dafür: Schiller, der ohne den Geruch fauler Äpfel, die er in seinem Schreibtisch sammelte, nicht dichten konnte, hatte bestimmt eine tiefsinnige Theorie, dass diese Dämpfe sein Gehirn anregen würden. Wer Angst vor dem Fliegen hat, hat ja recht. Flugzeuge können runterfallen. Nur, das weiß der Pilot auch und fliegt trotzdem - meist ein ganzes Leben. Ein Mann, der sich im Notizbuch notierte, dass er nicht vergessen dürfe, wütend zu sein, hatte auch recht. Er hätte es sonst vielleicht wirklich vergessen. Und was sollen wir jener Dame sagen, die 14 Jahre lang tagsüber schlief und nachts aufstand? Ihre Begründung: Es gebe keinen Grund, warum sie es wie alle anderen machen solle. Die Sache wird ernst, wenn ein Mensch Angst bekommt, einen Fuß auf die Straße zu tun, weil er befürchtet, sich zu verletzen. Und es war tragisch bei jener Frau, die solche Angst davor hatte, sich zu beschmutzen, dass sie schließlich das Bett nicht mehr verließ. Da sie auch nicht mehr zur Toilette konnte, musste sie ins Bett machen.
Unsere Marotten haben wir alle. Der Fachausdruck
dafür heißt Neurose.
Neurosen führen zu
Verhaltensweisen, die scheinbar sinnlos sind. Nehmen wir als
Beispiel die Zwangsneurose. Eines der Symptome ist, dass man
alles zählen muss. Wie oft sie dies oder das tun, ihre
Sachen, schließlich vielleicht die Häuser, an
denen sie vorbeigehen, oder ihre Schritte. Der Wasch- und
Putzzwang in leichter Form sorgt ja noch für
hygienische Verhältnisse, wenn sich aber einer jede
Viertelstunde die Hände waschen muss oder nicht leben
kann, ohne täglich den Bürgersteig vor dem Haus zu
schrubben, wird's schlimm. Andere häufige Formen von
Neurosen sind Angstneurosen. Das sind Ängste, die
das Leben zur Qual machen können, wenn jemand z. B.
fürchtet, er könne jeden Augenblick einen
Herzinfarkt bekommen und sich darum immer in der Nähe
eines Krankenhauses aufhalten muss. Sehr häufig sind
solche Störungen mit Depressionen verbunden.
Übrigens ist keins der hier gebrachten Beispiele
erfunden. Es sind Zeichen eines gequälten Lebens.
Frau L. ist 37 Jahre alt. Seit einem Jahr ist sie
depressiv und kann weder im Haushalt noch im Beruf etwas
tun. Da keine Behandlung hilft, sucht sie schließlich
einen Psychotherapeuten auf. Das Folgende ist ein Auszug aus
der ersten Stunde beim Psychotherapeuten.
Frau L.: Sie
wollen wissen, was mit mir los ist, Herr Doktor?
Therapeut: Ja.
Frau L.: Ich habe Depressionen. Mein
Hausarzt hat mir gesagt, dass ich psychotherapeutische
Behandlung brauche.
Therapeut: Sie haben schon vieles
probiert?
Frau L.: Ich bin jetzt schon vier Wochen
krank geschrieben, und es wird nicht besser. Mein Hausarzt
hat mir Tabletten aufgeschrieben, aber die haben nicht
geholfen.
Therapeut: Sie fühlen sich nach wie vor
krank?
Frau L.: Ich habe Kopfschmerzen und bin ganz
apathisch. Mein Mann macht alle Arbeit im Haus. Ich
versuche, mich aufzuraffen, aber es geht nicht. Besonders
morgens ist es am schlimmsten. Das Leben hat überhaupt
keinen Sinn mehr.
Therapeut: Sie sagten, seit vier
Wochen.
Frau L.: Eigentlich habe ich das schon seit
vorigem Sommer. Aber jetzt ist es viel schlimmer geworden,
und darum bin ich krank geschrieben. Mein Hausarzt sagt, ich
soll mich mal richtig ausruhen von dem Stress bei der
Arbeit.
Therapeut: Sie fühlen sich durch die
Arbeit überfordert?
Frau L.: Ich bin schon
vierzehn Jahre bei der Firma, und ich mache die Arbeit gern.
Aber vielleicht ist es zuviel. Ich habe oft auch samstags
gearbeitet und Überstunden gemacht. Mein Arzt meint,
dass die Depression durch die Überlastung gekommen
ist.
Therapeut: Sie meinen, dass Sie sich sehr für
die Firma eingesetzt haben.
Frau L.: Vor fünf
Jahren bin ich bei einer anderen Firma gewesen. Aber meine
alte Firma hat mich zurückgeholt, weil da alles drunter
und drüber ging. Ich mache die Buchhaltung. Das ist
schon anstrengend. Es gibt noch zwei Männer, die machen
dasselbe wie ich. Die werden aber besser bezahlt. Ich bin
zum Betriebsrat gegangen und habe gesagt, ich wollte
gleiches Gehalt haben. Ich mache doch die gleiche Arbeit. Da
haben sie den Männern noch andere Arbeit gegeben, die
aber nur auf dem Papier steht, und gesagt, die werden besser
bezahlt, weil sie mehr machen. Immer wieder bin ich zum
Betriebsrat gegangen, und der hat mit der Firma gesprochen.
Aber schließlich hat sich nichts geändert. Der
Betriebsrat hat gesagt, da kann man nichts machen.
Therapeut: Wann war das?
Frau L.: Anfang vorigen
Jahres.
Therapeut: Sie haben sich ganz für die
Firma eingesetzt und gehofft, dass Ihnen dafür
Anerkennung zuteil wird. Als das nicht geschah, waren Sie
enttäuscht und sahen keinen Sinn mehr in der Arbeit.
Frau L.: Ja, so war es.
Therapeut: Sie haben keine
Kinder?
Frau L.: Mein Mann und ich haben viel
gearbeitet. Wir haben keine Kinder. Wenn man so viel
arbeitet, wären die Kinder zu kurz gekommen.
Therapeut: Sie meinen, dass Sie keine Kinder wollten?
Frau L.: Vor einem Jahr hat meine Regel aufgehört.
Man hat mir gesagt, bei manchen Frauen fängt es eben
schon mit sechsunddreißig Jahren an. Als wir
heirateten, wollten wir zwei Kinder. Später dachten
wir, zwei sind zuviel, eins reicht. Dann dachten mein Mann
und ich, dass wir auch so gut leben. Jetzt habe ich die
Regel nicht mehr.
Therapeut: Ihr Körper dachte
vielleicht, es lohnt sich nicht mehr mit der Regel.
Frau L.: Hm. Meinen Sie, ich sollte Kinder haben?
Therapeut: Sie sind sich nicht ganz sicher, ob Sie nicht
doch noch Kinder haben wollen?
Frau L.: Mein Mann und
ich kennen uns schon seit 22 Jahren. Wir sind auf die
gleiche Schule gegangen. Wir haben uns immer gut verstanden.
Vielleicht sollten wir uns nicht so abschließen. Wir
sind in der Freizeit immer zusammen und verstehen uns sehr
gut. Wir haben Kinder nicht vermisst, da wir uns so gut
verstehen. Ich möchte, dass alles wieder so wird wie
früher. Denn diese Depressionen sind
fürchterlich.
Therapeut: Aber Sie können das
so ohne weiteres nicht erreichen, dass alles wieder so wird
wie früher. Ihnen fehlt die Kraft dazu. Sie waren
zufrieden, solange Sie sich für andere aufopfern
konnten. Als Sie dafür keine Anerkennung bekamen,
merkten Sie, wie sehr Sie auf andere angewiesen sind.
Frau L.: Ja.
Therapeut: Und merkwürdigerweise
ist das so, obwohl Sie mit Ihrem Mann glücklich
sind.
Frau L.: Darüber habe ich noch nicht
nachgedacht. Meinen Sie, ich darf nicht Depressionen haben,
weil ich einen so guten Mann habe?
Therapeut: Weil Sie
sich mit Ihrem Mann so gut verstehen, haben Sie nie etwas
vermisst.
Frau L.: Ich hatte immer Angst vor fremden
Leuten. Bei meinem Mann ist das auch so, aber nicht so
schlimm. Schon als Kinder waren wir immer nur zusammen.
Therapeut: Sie meinen, Sie fühlen sich heute noch ein
bisschen wie zwei Kinder?
Frau L.: Das ist mir nie
eingefallen.
Was ist mit Frau L. los? Frau L. hat zugunsten ihrer Firma auf eine Entfaltung ihres Privatlebens verzichtet. Sie hat die Befriedigung, die normalerweise das eigene Familienleben geben kann, in der Firma gesucht. Gewissermaßen hat sie die Firma als Ersatzfamilie betrachtet. Aber natürlich kann eine Firma solche Bedürfnisse gar nicht befriedigen. Auch das Verhältnis zu ihrem Mann war nicht das einer Familie. Es war ein so enges Verhältnis, dass zwischen beiden kein Platz mehr war, schon gar nicht für Kinder. Als Frau L. schließlich merkte, dass es in der Firma manchmal eben auch sehr rüde zuging und dass sie zu ihrem Mann keine reife und erwachsene Beziehung hatte, wurde sie depressiv. Man kann sagen, sie hatte sowohl zu ihrer Firma wie zu ihrem Mann ein neurotisches Verhältnis.
Neurotische Störungen haben immer eine Beziehung zu Entwicklungsproblemen in der Kindheit. Das heißt nicht, dass es Rabeneltern waren, mit denen es neurotische Menschen zu tun hatten oder dass sie eine unglückliche Kindheit hatten. Wir haben alle unsere kleinere oder größere Neurose, die wir manchmal kennen, manchmal nicht. Das liegt daran, dass sich Störungen der Kindheitsentwicklung in keiner Familie verhindern lassen. Es kommt auf die Schwere der Störung und auf die Widerstandskraft des Kindes an, ob später eine handfeste Neurose daraus wird oder ob das Ganze glimpflich abläuft. Wenn etwa Mütter mit der natürlichen Eifersucht ihrer Kinder auf Geschwister nicht richtig umgehen oder wenn die Reinlichkeitserziehung des Kindes zu früh oder übertrieben streng erfolgt, kann so die Grundlage zu einer seelischen Fehlentwicklung gelegt werden. Vielleicht liegt es auch daran, dass eine Mutter während der ersten Lebensjahre ihrer Kinder überlastet oder der Vater krank ist. Oder finanzielle Probleme schwerer Art belasten die Familie und damit das Verhalten der Eltern gegenüber den Kindern. Das soll keine einseitige Schuldzuweisung an die Eltern bedeuten. Vielfach sind diese Mängel in der Realität gar nicht so aufgetreten, wie sie der Erwachsene sieht, sondern erschienen nur in der Sicht der Kinder so. Man muss davon ausgehen, dass für die Entstehung seelischer Krankheiten viele Gründe auch in den Betroffenen selbst liegen. Die neurotische Entwicklung wird meist erst nach der Pubertät offenbar oder erst dann, wenn ein einschneidendes oder belastendes Ereignis des Erwachsenenalters die seelischen Kräfte besonders strapaziert. Das kann zum Beispiel eine Operation sein, Schwierigkeiten im Beruf, die Geburt eines Kindes oder ein schweres Zerwürfnis.
Eine besondere Phase der kindlichen seelischen Entwicklung, in der häufig der Keim zu einer späteren Neurose gelegt wird, ist die seit Sigmund Freud so benannte ödipale Phase. Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr entwickelt der kleine Junge eine starke Rivalität zum Vater. Er hat kindliche Phantasien davon, der Ehemann der Mutter zu sein, was auch sexuelle Phantasien einschließt. Entsprechendes gilt für das kleine Mädchen. Die Rivalität des Jungen zum Vater und des Mädchens zur Mutter ist mit großer Furcht vor Strafe verbunden. Schließlich wird aber die Rivalität überwunden und die sexuellen Wünsche, die sich an Vater bzw. Mutter richten, werden verdrängt.
Die ödipale Phase ist für Kinder ein komplizierter Entwicklungsschritt. Ein Beispiel für Neurosen, die in dieser Zeit entstehen können, ist die Hysterie. Wenn zum Beispiel im Unbewussten eines Mannes der Wunsch, die Mutter als Ehefrau zu besitzen, bestimmend bleibt, kann es dazu kommen, dass der Mann zu einer sexuellen Tätigkeit unfähig ist, weil er unbewusst sein sexuelles Begehren noch als sträflich ansieht. Aber er weiß nicht. warum. Die neurotischen Symptome, die in einem solchen Fall entstehen, können ganz unterschiedlich sein: Angst, Körperschmerzen ohne organische Krankheit, Impotenz usw.
Obwohl neurotische Störungen in der Regel vergleichsweise weniger schwerwiegende Erkrankungsformen sind, können sie doch auch zu erheblichen Behinderungen führen. Wenn etwa die Angst vor fremden Menschen so weit führt, dass der Betreffende nicht einmal ein Geschäft betreten kann, oder wenn eine Depression zum Selbstmord führt, ist dies natürlich keine Harmlosigkeit mehr.
Neurotische Störungen, die bei besonderen Belastungen auftreten, können auch irgendwann von selbst vorbeigehen, wenn nämlich die Lebensumstände wieder günstiger sind. Viele Menschen brauchen jedoch eine Behandlung. Die wirksamste Behandlung besteht in psychotherapeutischen Maßnahmen. Manchmal können auch verhaltenstherapeutische Methoden angebracht sein. Ob eine Therapie notwendig ist, hängt vom Ausmaß des Leidens ab. Aber viele Menschen haben Angst vor einer psychotherapeutischen Behandlung, obwohl sie sehr unter ihren seelischen Beeinträchtigungen leiden.
Die unbewusste Angst von Frau L. war, wie sich im Verlauf der Therapie herausstellte, von den Menschen verlassen zu werden, wenn sie versuchte, erwachsen zu werden und ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse verdrängt und konnte sich den Forderungen ihrer Firma nicht widersetzen. Sie hatte Angst, dass ein Kind ihr den Mann entfremden würde, und klammerte sich, selbst noch wie ein Kind, an ihn. So sind neurotische Störungen der Versuch, Konflikte, die ins Unbewusste verdrängt wurden, zu verdecken. Ein starkes, krankhaftes Putz- und Sauberkeitsbedürfnis kann zum Beispiel unbewusst ein Versuch sein, sich von verdrängten Schuldgefühlen frei zu waschen, die während der Zeit des kindlichen Onanierens entstanden sind. Aber das muss nicht so sein. Bei jedem Menschen sind die Ursachen für seine seelischen Probleme andere.
Die psychotherapeutische Behandlung nach psychoanalytischen Grundsätzen deckt unbewusste Ängste und Bedürfnisse auf. Die Regungen wären nicht unbewusst, wenn sie für unser Selbstbewusstsein nicht ängstigend und kränkend wären. Eine Psychotherapie befähigt den Menschen, bewusster damit umzugehen und freier zu werden. Aber dieser Prozess ist schmerzhaft.