Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Medikamentenabhängigkeit

„Ich heiße Jutta, bin zweiundzwanzig Jahre alt und mache zur Zeit meine Buchhändlerlehre durch. Ich bin unehelich geboren. Meine Mutter ist Lehrerin ... Ich bin die ersten drei Jahre im Heim aufgewachsen. Dann bin ich zusammen mit meiner Mutter, ihrer Zwillingsschwester und deren Vater in eine Stadtwohnung gezogen, in der die heute noch leben und in der auch ich bis vor einem Jahr gelebt habe.

Ich habe selten etwas unternommen - und wenn, dann habe ich das allein gemacht, schon als kleines Kind. Ich hatte ein kleines Rad und fuhr damit durch die Gegend, stundenlang . . . Ich hatte auch bestimmte Phantasien. Oft habe ich mir das abends schon zurechtgelegt. Wenn ich ins Bett ging, überlegte ich schon: Was wirst du denn gleich spinnen? Eine Zeitlang lief das darauf hinaus, dass dreimal in der Woche meine Mutter starb. Das war alles sehr dramatisch. Ich habe mich da intensiv hineinversetzt. Vielleicht war da auch irgendwo ein Wunsch dabei, mich endgültig von dieser Bindung loszusagen. Oft war ich tränenüberströmt, als wäre es nun tatsächlich passiert... Ich hatte ungeheure Schwierigkeiten, mit Klassenkameradinnen in Kontakt zu kommen. Ich hatte immer den Wunsch: Wenn du eine Freundin hast, dann muss das gleich eine Supersache sein. Ich konnte Beziehungen irgendwie nicht dosieren. Wenn ich mich auf eine Beziehung einließ, dann habe ich mich da mit Haut und Haaren drin verbohrt und habe so ungefähr mein Leben dafür gelassen. Das erwartete ich auch vom anderen. Irgendwie habe ich gespürt, dass ich damit andere und mich selbst überfordere. Ich habe dann sozusagen gar nicht erst angefangen. Ich hatte eigentlich nie Freunde oder Freundinnen ...

Weil ich im Kontakt so Schwierigkeiten hatte und Freundinnen oft wieder nach Hause schickte, machte mir meine Mutter Vorhaltungen, ich wäre gemein und böse usw. Als ich in der Mittelstufe war, hatte ich im Zusammenhang damit auch mal kleinere Weinkrämpfchen. Dann hat meine Mutter mich zu ihrer Hausärztin geschleppt. Die hat mir zum erstenmal Valium verschrieben. Ich habe das brav genommen. Ich merkte, dass ich auf der einen Seite ziemlich wurstig wurde, auf der anderen Seite auch aufgekratzter war ... Der Vater einer Klassenkameradin war Arzt. Eines Tages stellte sich heraus, dass sie auch ab und zu Valium nahm - und zwar einfach von ihrem Vater. Sie brachte mir dann immer ein Döschen Valium 5 mit. Oder sie sagte: Du musst jetzt mal Valium 10 nehmen, das ist noch besser ... Als ich fünfzehn, sechzehn Jahre alt war, habe ich auch mit dem Alkohol Bekanntschaft gemacht ... Meine Klassenkameradin war auch auf dem Trip ... Sie hat das Valium bereitgestellt. Dann haben wir ein Besäufnis bei ihr zu Hause gemacht und Tabletten gefuttert. Wir fühlten uns so richtig schön draußen und kaputt ...

Schließlich fing ich auch schon damit morgens in der Schule an. Ich nahm kleine Fläschchen mit, hatte auch genügend Tabletten, habe mir das schön gemixt und in mich hineingluckern lassen ... Es ging mir wirklich hundselend. Ich hatte ja keinerlei Einsicht, was da los war. Ich war wirklich fest überzeugt, dass es schlimm mit mir bestellt sei, dass ich arm dran war ...

Dann geriet ich langsam in eine Lethargie hinein. Es fiel mir morgens schwer, aufzustehen ... Schließlich blieb ich den ganzen Tag im Bett ... Hauptsache, ich hatte die Medikamente genommen ... Dann fing es an, mir schlecht zu gehen. Es quälte mich furchtbar, dass es hell wurde. Ich zog schließlich die Bettdecke über den Kopf, bin nicht mehr aufgestanden und habe nicht mehr gegessen, bin nicht mehr auf die Toilette gegangen und habe mich nicht mehr gewaschen und hatte schließlich wahnsinnige Angst, ich müsste eines Tages wieder einmal aufstehen ... Ich habe nur im Bett gesessen und geheult. So ging das ein, zwei Wochen ... Mir taten die Augen weh. Ich nehme an, dass das alles von den Medikamenten kam. Ich war in einem elenden Zustand. Mein Nacken und mein Kopf zitterten. Ich hatte einen solchen Tatterich, dass ich die Tasse nur noch halb voll machen konnte ... Ich war kaum zwanzig und fühlte mich wie eine alte Oma ... Meine Periode hatte in dem halben Jahr vollkommen ausgesetzt ...
Ich hatte inzwischen kein Geld mehr, um mir Valium zu besorgen.
Ich habe dann irgend etwas an Tabletten genommen, Schlaftabletten, Schmerztabletten oder wie es gerade kam ... Schließlich bin ich ziemlich wild betrunken und voll mit Tabletten nachts durch die Straßen gegeistert und habe angefangen mit Selbstverletzungen. Ich hatte das bei einem jungen Mädchen in der Klasse erlebt, die das regelmäßig machte ... Ich fing dann auch an, meine Zigarette auf meinem Arm zudrücken oder mich da aufzuschneiden. Ich habe mir schließlich ein ziemlich tolles Gemälde auf den Arm fabriziert.“*

Jutta begann die Telefonseelsorge anzurufen und die Leute in ein- zweistündige Gespräche zu verwickeln. Eines Tages sagten sie: Gehen Sie doch mal zu den Anonymen Alkoholikern.

Für Jutta war dies der entscheidende Schritt, durch den sie sich von der Tablettensucht befreite. Sie beschreibt sehr anschaulich, dass die Medikamente ein Mittel waren, um Konflikten aus dem Wege zu gehen, die sie nicht aushalten konnte. Alkohol oder Tabletten, das war wie bei den meisten anderen auch, nicht so wichtig.

Ärzte verschreiben Medikamente oft ohne richtige Kontrolle. Manche Menschen nehmen daher über Jahre oder Jahrzehnte Schlaftabletten, Beruhigungsmittel oder Schmerztabletten. Immer gibt es dafür eine Ursache: Depressionen, Angstzustände, unerträgliche Nervosität, seelisch bedingte Schmerzen oder anderes. Diese Menschen sind in leichter Form schon abhängig von ihren Mitteln. Ausgeprägte Medikamentenabhängigkeit ist wohl die schwerste von allen Suchtformen. Mit den Pillen lassen sich alle Probleme aus der Welt lösen. Für einen Abhängigen ist es unendlich schwer, wieder zu lernen, die unvermeidlichen Frustrationen der Wirklichkeit auszuhalten.

Werden die Medikamente plötzlich abgesetzt, treten Entzugserscheinungen auf: Ängste, Zittern, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Krampfanfälle u. a. Die Entgiftung muss daher immer in einer Klinik erfolgen.

Am häufigsten werden Schlaftabletten genommen. Es kommt dann zu Schläfrigkeit oder - in Umkehr der normalen Wirkung - zu einem Wohlgefühl und zu Aufgekratztheit. Jedenfalls wird der Abhängige ganz inaktiv dabei, und das macht die Sache unheimlich. Bis zum Selbstmordversuch, der aus einer plötzlichen Verzweiflung heraus geschieht, ist es oft nicht weit. Statt zwanzig Tabletten sind es dann auf einmal hundert.

Tabletten lassen sich leicht beschaffen. Sie sind am Ende auch billiger als Alkohol. Sie lassen sich unbemerkt überall einnehmen, überallhin mitnehmen. Medikamentenabhängige suchen nicht die Gesellschaft anderer. Bei Frauen, die Alkoholiker sind, ist die zusätzliche Einnahme von Medikamenten sehr häufig.

Medikamente, die häufig als Suchtmittel benutzt werden, sind: Distraneurin, Valium, Lexotanil, Tavor, Tafil, Zopiclon und viele andere Beruhigungsmittel. Daneben werden oft auch Schmerzmittel genommen wie Optalidon, Temagin, Tramadol und andere. Starke Schmerzmittel wie zum Beispiel Valoron und Fortral haben ähnliche Eigenschaften wie Opiumabkömmlinge und werden überwiegend von Drogenabhängigen genommen.

* Aus: M. L. Möller: Selbsthilfegruppen. Rowohlt. Reinbek 1978, S. 10ff

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:01:24
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.