Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Geistige Behinderung

Irrtümlich werfen viele Menschen geistig Behinderte und psychisch Kranke in einen Topf. Sie wissen nicht, dass beide Gruppen so viel miteinander gemein haben wie ein Beinamputierter mit einem Migränekranken. Während die psychische Erkrankung fast immer seelische Ursachen hat, ist der Grund für die geistige Behinderung immer körperlich. Das heißt beim geistig Behinderten hat das Gehirn nur eine begrenzte Leistungsfähigkeit. Dafür gibt es verschiedene Ursachen:

1. Eine Fehlanlage des Gehirns, die beim ungeborenen Kind (Embryo) auftritt (zum Beispiel Mongoloismus, der dadurch hervorgerufen wird, dass die Eizelle ein Chromosom mehr hat als die anderer Menschen. Oder Mikrozephalus = zu kleines Gehirn. Oder Hydrozephalus = Wasserkopf).

2. Schäden des Gehirns unter der Geburt, zum Beispiel Blutungen im Gehirn, Quetschungen des Kopfes (etwa bei einer Zangengeburt) oder Sauerstoffmangel während der Geburt. Das kann zur Zerstörung vieler Gehirnzellen führen. Die Folge ist oft, dass das Kind Spastiker wird (viele Spastiker haben allerdings nur Probleme mit ihrem Bewegungsapparat und sind nicht geistig behindert).

3. Angeborene schwere Stoffwechselstörungen, die die frühkindliche Entwicklung des Kindes behindern. Zum Beispiel Schilddrüsenfehlfunktionen.

4. Gehirnschäden im späteren Leben durch Unfälle, Verletzungen, Tumoren usw. Auch Kalkablagerungen im Gehirn können Gehirnzellen so weit zerstören, dass als Folge davon die Geisteskräfte verfallen. Man nennt die geistige Behinderung, die erst im späteren Leben auftritt, Demenz.

Wichtig ist also, dass geistige Behinderung körperliche Ursachen hat, weil Teile des Gehirns zerstört oder nicht richtig ausgebildet sind. Unser Gehirn unterscheidet sich übrigens von allen anderen inneren Organen dadurch, dass es noch unfertig ist, wenn wir auf die Welt kommen. Bis zum zweiten Lebensjahr entwickelt es sich noch. Danach allerdings ist im wesentlichen Baustopp. Je früher wir anfangen einen geistig Behinderten zu fördern, um so eher vermögen intakte Bereiche des Gehirns Fähigkeiten zu übernehmen, die ihnen normalerweise nicht zugewiesen sind. Das bedeutet, dass Früherkennung und frühe Förderung von geistig Behinderten zu ganz erstaunlichen Ergebnissen führen kann. Selbstverständlich werden Menschen mit Gehirnschäden sich immer von den anderen unterscheiden. Aber wegen der Fähigkeit der Gehirnzellen, neue Funktionen zu übernehmen, kann auch bei geistig Behinderten vieles erreicht werden.

Das Ausmaß der geistigen Behinderung hängt davon ab wie groß der Schaden am Gehirn ist. Es gibt Kinder, die noch lernen können, eine Sonderschule zu besuchen, und solche, die nie werden sprechen können. Fest steht, dass in jedem Fall eine möglichst intensive Frühförderung dazu führt, dass zum Teil noch wesentliche Fähigkeiten entwickelt werden können.

Eine geistige Behinderung ist übrigens von Natur aus nicht mit charakterlichen Mängeln kombiniert. Charakterliche Fehlentwicklungen entstehen erst durch schlimme Erfahrungen mit der Umwelt. Wie bei jedem Menschen gelten auch bei geistig Behinderten die Grundregeln der Kindererziehung: Härte erzeugt Aggression, verständnisvolle Zuwendung führt zu einem freundlichen Wesen.  Geistig Behinderte sind, wenn sie es in ihrer Entwicklung nicht weiter als bis zur Reife des Kleinkindes bringen, häufig sehr unbefangen mit ihren Bedürfnissen und Trieben. Sie behalten oft auch die liebenswürdigen Eigenschaften von Kindern: Anhänglichkeit, Offenheit und Fröhlichkeit.

Geistig Behinderte gehören nicht in psychiatrische Behandlung. Sie sind in den Händen von Heilpädagogen am besten aufgehoben. Außerdem sind die Möglichkeiten, geistig Behinderte in unsere Gesellschaft zu integrieren, sicher noch ausgeschöpft. Ihre Ausgrenzung und hohe Konzentration an einzelnen Orten schafft mit Sicherheit mehr Probleme, als wenn sie in das normale Leben integriert werden.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:02:01
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.