Abschlussbericht (eines psychiatrischen Krankenhauses)
über Herrn Martin P., 18 J., der sich vom 16. März
bis 16. September zum erstenmal in unserer stationären
Behandlung befand
Diagnose: Verhaltensstörungen
Vorgeschichte
Der Patient wurde als Kleinkind von den
Eltern getrennt und wuchs in verschiedenen Heimen und
psychiatrischen Krankenhäusern auf. Die genaue Zahl der
Heime und Krankenhäuser, in denen der Patient lebte,
lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Es müssen
etwa zehn gewesen sein. Er hat die Sonderschule besucht,
aber nicht abgeschlossen. Schon als kleines Kind fiel der
Patient durch periodisch auftretende eruptive
Verhaltensstörungen auf. Er wurde dann laut, schimpfte
und wurde auch tätlich. Diese Zustände haben sich
im Laufe der Jahre zwar an Zahl etwas verringert, wurden
aber in ihrem Ausmaß heftiger, da der Junge zunehmend
kräftiger und älter wurde. Zu uns wurde der
Patient aus dem Krankenhaus ... überwiesen.
Befund: Keine Symptome im Sinne einer psychischen Krankheit. Neurologisch unauffällig. Klein, körperlich unterentwickelt. Motorisch unruhig. Psychisch wirkt er zurückgeblieben, kindlich mit kompensatorischen, unrealistischen Größenvorstellungen vom eigenen Selbst. Mangelndes Selbstwertgefühl. Großes Misstrauen in die Verlässlichkeit anderer. Sehr leicht kränkbar.
Verlauf: Zunächst wurde versucht, den Patienten auf einer offenen therapeutischen Station zu behandeln. Es musste jedoch die Rückverlegung auf die geschlossene Aufnahmestation erfolgen, da er sich nicht als gruppenfähig erwies. Er war nicht in der Lage, seine Probleme mit einer Gruppe zu erörtern, auch war er unfähig, Beziehungen zu verschiedenen Gruppenmitgliedern aufzunehmen.
Auf der Aufnahmestation wurde versucht, durch eine persönliche Bindung an den Stationsarzt etwas vom Sozialisationsprozess nachzuholen. Dies erschien erfolgversprechend, da Herr P. durchaus zu einer persönlich echten und für ihn bedeutungsvollen Beziehung zu einer Person in der Lage war.
Zunächst kam es jedoch zu keiner Besserung seiner Situation. In regelmäßigen Abständen und nach leichten Kränkungen reagierte er mit heftigen Ausbrüchen. Er schimpfte, wurde aggressiv, wurde mehrmals tätlich gegenüber den Personen, die sich besonders um ihn kümmerten. In solchen Situationen musste er dann medikamentös ruhig gestellt werden, während normalerweise auf eine Medikation verzichtet wurde.
Das mangelnde Selbstwertgefühl, das aus einer depressiven Grundstimmung kam, die unkontrollierten aggressiven Ausbrüche und sein Misstrauen konnten jedoch durch geduldige Zuwendung und in einer langen Serie von Einzelgesprächen mit ihm bearbeitet werden. Durch die verlässliche Beziehung gewann er zunehmend Vertrauen. Im Laufe der Monate kam es zu einer Abnahme der eruptiven Ausbrüche. Die Selbstkontrolle wurde deutlich größer, so dass er Kränkungen und Zurückweisungen besser ertragen konnte.
Angesichts der schlechten Sozialisation erschien es angebracht, Herrn P. an eine therapeutische Einrichtung zu überweisen, wo er für einige Jahre hätte bleiben können. Dies scheiterte jedoch daran, dass er einerseits nicht bereit war, sich noch einmal in eine Heimsituation zu begeben, andererseits daran, dass das Heim, das für ihn in Frage kam, ihn wegen seiner zurückgebliebenen intellektuellen Entwicklung nicht aufnehmen wollte. Es wurde darum vorgesehen, ihn zu entlassen und ihm die Chance zu geben, allein auf sich gestellt mit seiner Problematik fertig zu werden. Dies erschien darum angebracht, weil die wesentliche Ursache seiner Verhaltensstörungen das mangelnde Selbstwertgefühl war, das durch eine Verselbständigung, die er nie im Leben erfahren hatte, positiv beeinflussbar erschien.
Schließlich erfolgte nach einem halben Jahr die
Entlassung in einem Zustand, der gegenüber dem
Aufnahmebefund als wesentlich gebessert bezeichnet werden
konnte. Es bestanden aber noch eine erhebliche
Konzentrationsschwäche und noch stark kindliche
psychische Strukturen.
Dr.
...
Dr. ...
(Ltd.
Abteilungsarzt) (Stationsarzt)
Martin war ein besonders schwerer Fall. Er hat er es übrigens geschafft. Er lebt allein und ist sehr höflich geworden. Probleme hat er nur mit der Arbeit. Ihm fehlt es nach wie vor an Ausdauer und Konzentrationsvermögen.
Menschen mit Entwicklungsstörungen verhalten sich die meiste Zeit angepasst. Sie sind normal intelligent und im eigentlichen Sinne nicht krank. Aber immer wieder kommt es ohne erkennbaren Anlass zu Schwierigkeiten mit der Umwelt durch asoziales Verhalten. Wir begegnen dieser Form von seelischen Konflikten meist bei Jugendlichen. Besonders in der Pubertät, bei den Umwandlungen der Persönlichkeit vom Kind zum Erwachsenen, treten solche Störungen leicht auf. Die Kinder werden plötzlich bockig, kommen in der Schule nicht mehr mit, begehen Diebstähle, schließen sich Banden an. In anderen Fällen greifen die Jugendlichen schon früh zum Alkohol. Aggressives Verhalten steht also häufig im Vordergrund. Aber es ist auch möglich, dass die Jugendlichen mit Leistungsabfall, Zurückgezogenheit, Kontaktscheu usw. reagieren.
Menschen, die ohne elterliche Zuwendung aufwachsen oder lange in Heimen oder Krankenhäusern lebten, entwickeln leicht Persönlichkeitsstörungen. Das hat oft gar nichts damit zu tun, wie gut oder schlecht die Heimerziehung war. Das Entscheidende ist, dass diese Menschen in ihrer Kindheit niemanden hatten, der sich mit Verlässlichkeit um sie kümmerte. Sie leben in ständiger Angst, fallengelassen zu werden, so wie sie es als Kind erlebt haben; denn auch die liebevollste Erzieherin hat nach 5 Uhr Dienstschluss. Darum hat man auch die Heimerziehung von Kindern, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, zugunsten von Pflegefamilien aufgegeben.
Wenn ausreichende Zuwendung und Liebe in der Kindheit fehlen, bleibt ein übergroßer Wunsch danach zurück, aber auch die Angst, sie immer wieder zu verlieren. Ihr Bedürfnis nach Zuwendung ermöglicht diesen Menschen schnell Kontakt aufzunehmen. Aber sie haben keine oder nur sehr geringe Fähigkeiten, die geringsten Enttäuschungen zu ertragen. Und da sie so übergroße Erwartungen haben, fühlen sie sich sehr schnell enttäuscht. Jede kleine Zurückweisung macht ihnen Angst, den Menschen ganz zu verlieren. Werden ihre Erwartungen nicht erfüllt, werfen sie sofort die Flinte ins Korn, werden depressiv oder maßlos aggressiv. Bei der kleinsten Enttäuschung droht ihr ganzes Selbstwertgefühl zusammenzubrechen. Zum Schutz ihres Ich, um nicht in ihrer Verzweiflung zu versinken, reagieren sie die Enttäuschung mit Wut ab. Wir kennen das Gefühl aus Situationen, in denen uns alles schief läuft. Wenn wir uns so enttäuscht fühlen, dass wir im Augenblick keinen Ausweg mehr sehen, spüren wir manchmal den Impuls: Jetzt alles kurz und klein schlagen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Bei uns bleibt es - wenigstens in der Regel - nur ein Gefühl. Bei Menschen mit einem schwachen Ich kann dem Gefühl die Tat folgen.
Kinder, denen Zuwendung fehlt, können kein gesundes Selbstvertrauen und das notwendige Maß an Selbstachtung und Selbstliebe entwickeln. Sie schwanken darum später ständig zwischen dem Gefühl, nichts zu bedeuten, und dem Versuch, diesen Mangel durch Großmannsträume auszugleichen. Sie träumen davon, ein großer Musikstar zu werden oder unermesslich reich zu sein. Sie brauchen diese Träume manchmal so sehr für ihre Selbstachtung, dass sie die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie nicht mehr scharf ziehen. Bei manchen Jugendlichen ist es eine auffallende Art, sich zu kleiden, mit der sie in einen Traum von Stärke und Unabhängigkeit flüchten. Aber dahinter stecken immer bange Kinderseelen mit großen Zweifeln an sich selbst.