„Juli, abends.
Es ist nichts mehr von dem
übrig, was jemals mein Leben bestimmt hat; keine
Selbstachtung, keine Liebe zu irgend jemandem oder irgend
etwas. Die Uhr ist noch da mit dem Zifferblatt und dem
Zeiger, der die Zeit vernichtet.
Langsam werde ich vernichtet, bis in die Haarwurzeln, bis in die Fingernägel hinein. Ich habe nichts mehr dagegen, vernichtet zu werden, aber es darf nicht so langsam geschehen.
Ich möchte meinen Kopf gegen die Wand schlagen. Aber ich selber habe nicht die Kraft dazu. Jemand anders müsste es tun. Ich habe keinen Willen, keine Tapferkeit, keine Vernunft mehr. Ich bestehe nur aus Angst vor der nächsten halben Stunde und dann der nächsten und dann der nächsten. Ich bin stundenlang allein. Manchmal schleppe ich mich ins Badezimmer und halte meinen Kopf und meine Handgelenke unter den kalten Kran. Noch zwei Tage werde ich es aushalten, dann gehe ich zu der Ecke, wo die Lastwagen vorbeifahren.
Ich bin dabei, mich selbst zu vernichten. Ich bin nicht mehr ich.“*
Zwei Jahre hat diese Depression gedauert. Keiner konnte helfen. Die Kranke wanderte von Arzt zu Arzt, vom Krankenhaus zum Sanatorium und wieder in ein Krankenhaus.
Eine Depression kann nach wenigen Tagen vorbei sein, manchmal dauert sie Jahre. Sie kann sich in kurzen Abständen wiederholen, oder sie kommt nur einmal im Leben. Ein tief depressiver Mensch, dem es die Lebenskraft lähmt, ist in seinem Leben gefährdet. Es besteht in solchen Fällen immer die Gefahr des Selbstmordes. Viele Depressive sagen nachher, dass ihre Selbstmordabsichten nur an ihrer Apathie und Handlungsschwäche scheiterten. Darum ist die Situation oft dann gefährlich, wenn eine schwere Depression sich wieder zu bessern beginnt. Die Apathie nimmt ab, die Unlust am Leben ist noch da. Selbstmordabsichten werden in diesem Stadium, wenn sie noch vorhanden sind, leichter ausgeführt.
Eine Depression äußert sich in Traurigkeit, Apathie und allgemeiner Schwäche. In schweren Fällen versinkt der Kranke in Verzweiflung. Er klagt sich an, leidet an Schuldgefühlen und ist beherrscht von dem Wunsch nach Selbstbestrafung, manchmal eben bis zum Tod. Jede Aufmunterung und Zerstreuung versagt. Die Angehörigen sorgen und ängstigen sich, pflegen und trösten ihn - lange mit keinem anderen Erfolg, als dass alles vielleicht noch ärger wird oder bis sie schließlich zornig werden.
Über ihren Mann schreibt die Kranke, in deren Tagebuch wir oben lasen: „Heinz ist versteinert, er sieht mich an wie einen fremden Gegenstand, überlegt, was er mit ihm tun soll. Seit etwa zehn Tagen lächelt Heinz nicht mehr freundlich. Beginnt meine Krankheit für ihn unerträglich zu werden? Er sieht mich an, als hätte ich einen Mord begangen. Er sagt: Ich glaube dir nichts mehr.“ Dahinter steckt übrigens ein geheimer Mechanismus der Depression, den die Kranke hier unbewusst spürt. In der Depression kann man nicht lieben. Man versucht, wenn man dazu noch fähig ist, durch Wut von dem geliebten Menschen unabhängig zu werden, was aber nicht gelingt.
Eine Depression kann auch abgelöst werden von sogenannten manischen Phasen, in denen die Stimmung überschwänglich ist. Die Manie ist das reine Gegenteil der Depression. Der Betreffende traut sich alles zu, ist ständig auf Achse und kann scheinbar durch nichts erschüttert werden.
Die Psychiater gehen meistens davon aus, dass die Depression durch eine Stoffwechselstörung im Gehirn verursacht wird. Beweise gibt es dafür allerdings keine. Eine andere, wahrscheinlichere Theorie ist, dass die Ursache der Depression in der Kindheit liegt. Ihre Grundlage entsteht in der Phase, in der das Kind sich von der Mutter löst und selbständig macht. Wenn diese Entwicklungsphase nicht richtig verläuft und das Kind die Trennung von der Mutter mit zu viel Schmerzen erlebt, kann dieser ursprüngliche Konflikt später bei dem wirklichen Verlust eines geliebten Menschen oder auch scheinbar ohne einen solchen Grund neu belebt werden. So wie das kleine Kind sich ohne Mutter wie ein Nichts vorkommt, erleben Depressive ihren Zustand als einen Verlust des eigenen Ich, als Leere und Lebensunfähigkeit. Das Leben von Menschen, die irgendwann an einer Depression erkranken, ist immer auch voll von seelischen Konflikten, die freilich oft mit Bravour überspielt werden. Durch eine genauere Analyse lässt sich die Spur jedoch unschwer zurückverfolgen bis in die frühe Kindheit.
* Nach: C. Muhr: Depressionen. Fischer Taschenbuch Nr. 2035. Frankfurt 1978