Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Alterspsychose

Das Alter hat vielleicht nur eine Schönheit: die Würde. Aber was ist damit, wenn der alte Mensch verkalkt? Wenn er starrsinnig wird und sein Gedächtnis schwindet? Wenn es schlimm wird, kommen Verwirrtheit und körperliche Vernachlässigung und ein völliger Verfall der Geisteskräfte dazu. Lebt der alte Mensch allein, entstehen Probleme. Er isst nicht mehr richtig. Die Wohnung verschmutzt. Die Nachbarn wundern oder ärgern sich. Vielleicht zieht er sich ganz in seine Wohnung zurück und lässt niemanden mehr herein. Oder er läuft planlos nachts durch die Straßen. Lebt er mit dem Ehepartner oder bei den Kindern, wird er den Angehörigen schließlich zu einer Last. Es kommt nicht selten zu Aggressionen. Oder der alte Mensch glaubt, er werde vergiftet. Auch eine schwere anhaltende Depression kann die letzten Jahre des alten Menschen vergällen.

Natürlich ist die Sache nicht immer gerade so schlimm. Und es kann auch sein, dass man sich auf die Situation einstellt. Man gewöhnt sich daran, dass man die alte Frau von nebenan nur selten mal durch den mit zwei Ketten gesicherten Türspalt zu sehen bekommt, dass der Vater auf seine Marotten, die er immer schon hatte, jetzt mit eifernder Starrköpfigkeit beharrt oder dass es einen Großvater gibt, der immer nur im Sessel sitzt, und kein Mensch weiß, wie lange er das noch tun will.

Diese Alten machen uns Schuldgefühle. Selbst wenn es unseren eigenen Eltern im Alter besser erging, schwieriger ist es mit ihnen im Alter fast immer geworden. Es ist nicht leicht, Verständnis für die Eigentümlichkeiten der Alten zu haben oder gar mit ihrer Begriffsstutzigkeit fertig zu werden. Und ängstlich denkt jeder, ich möchte lieber beizeiten abtreten.

Altersveränderungen haben etwas mit dem alt werdenden Gehirn zu tun. Die Verkalkung der Hirngefäße ist zwar seltener der Grund dafür (sie führt meist zu einem Schlaganfall), aber die Zahl der Gehirnzellen nimmt ab und die Zellen verändern sich. Diese Altersveränderungen des Gehirns treten bei manchen Menschen nur in geringem Grade, bei manchen sehr intensiv oder schon früh, das heißt mit dem Ende der Fünfziger, auf. Warum es diese Unterschiede gibt, weiß man nicht. Die Eigentümlichkeiten, die alte Menschen entwickeln können, sind nicht allein auf Veränderungen des Gehirns zurückzuführen. Zunächst einmal ist der körperliche Gesamtzustand für die seelische Entwicklung sehr entscheidend. Ein schwaches Herz, schlechte Ernährung, unbehandelte Krankheiten haben unter Umständen schwerwiegende Rückwirkungen auf die Funktion des Gehirns und der Psyche. Daneben sind aber auch die Lebensumstände von großem Einfluss.

Das Wichtigste ist, dass die alten Menschen von ihrer Umwelt akzeptiert und ernst genommen werden. Solange sie in vertrauter Umgebung und mit Menschen leben, die sie kennen und für die sie etwas bedeuten, hat ihr Dasein noch einen Sinn. Dann können sie die an sie gestellten Erwartungen erfüllen. Sie schaffen es meist nicht, sich auf Neues einzustellen und allein zu sein. Dafür ist das Alter auch nicht geschaffen. Im Alter verlassen zu sein, ist ein vorweggenommener Tod. Gerade weil im Alter die Anpassungsfähigkeit und Leistungsfähigkeit auch des Gehirns nachlassen, sind die Lebensumstände von besonderer Bedeutung. Der plötzliche Tod des Ehepartners, Einsamkeit, die Verpflanzung aus einer lange gewohnten Umgebung, ein sinnentleertes Leben können gerade beim alten Menschen zu einer schweren Beeinträchtigung der geistigen und seelischen Verfassung führen. Besonders häufig sind in solchen Fällen Depressionen, die mit geistiger Verwirrung einhergehen. Alte Menschen haben die höchste Selbstmordquote.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:01:52
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.