Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Alkoholismus

Ich heiße Hans Z., bin siebenundfünfzig Jahre alt, und mein erlernter Beruf ist kaufmännischer Angestellter. Vor sechs Jahren wurde ich zum erstenmal in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Mit der Diagnose: Angst, Angst und nochmals Angst auf der Straße. Sechs Monate wurde ich stationär behandelt. Nach meiner Entlassung habe ich, hervorgerufen durch Einsamkeit und Komplexe, noch maßloser getrunken. Nach kurzer Zeit kam meine zweite Einweisung zustande. Alles habe ich versucht, wieder von diesem Übel loszukommen, bis heute vergebens. Ich würde alles hergeben, um wieder ein solides Leben mit einem vernünftigen Menschen führen zu können. Mir alleine fehlt einfach die Kraft, in unserer alkoholgeschwängerten Umgebung mein augenblickliches Dilemma zu beenden. Ich möchte einmal wieder ohne Alkohol oder Beruhigungsmittel gesund leben und schlafen. Ich mache mir selbst Vorwürfe, welche sich mitunter ins Unerträgliche steigern. Dann greife ich zur Flasche und finde dann auch für kurze Zeit Ruhe. Um so schlimmer ist das Erwachen. Dann überkommen mich Reue und Ekel vor mir selbst. Es muss doch aus diesem Dilemma einen Ausweg geben! Nicht alleine, dass ich nervlich vollkommen am Ende bin, auch meine Potenz lässt immer mehr nach, bedingt durch übermäßigen Alkoholgenuss und Medikamente. Wie sieht das Ende aus?“

Viele Menschen trinken übermäßig Alkohol oder sind häufig betrunken, aber sie sind dennoch nicht alkoholkrank. Sie können, wenn sie wollen, doch irgendwann aufhören. Alkoholkrank ist, wer seinen Alkoholkonsum nicht mehr steuern kann. Entweder er braucht ständig einen bestimmten Alkoholspiegel im Blut oder er muss, wenn er erst einmal einen Tropfen getrunken hat, bis zur Besinnungslosigkeit weitertrinken, und zwar häufig, wenn nicht gar täglich. Aber der Übergang vom kontrollierten Alkoholgenuss zum Alkoholismus ist fließend.

Regelmäßiger hoher Alkoholgenuss führt nach einiger Zeit zur körperlichen Abhängigkeit. Wenn der Betroffene dann einige Zeit nichts trinkt, bekommt er einen „Flattermann“. Er zittert, wird unruhig, schwitzt, hat Angstzustände. Regelmäßig hat der Alkoholiker solche Erscheinungen am Morgen, weil über Nacht der Alkoholspiegel absinkt. Nach ein paar Gläsern Bier oder zwei Schnäpsen ist wieder Ruhe. So sind viele Alkoholiker gezwungen, schon morgens mit dem Trinken zu beginnen. Ohne Krankenhausaufenthalt ist eine richtige Entziehung jetzt nicht mehr möglich. Ist die Gewöhnung an den Alkohol schon stärker, kann aber der Alkoholiker etwa ein oder zwei Tage nichts trinken, zum Beispiel bei Krankheit, dann kann es zu schweren Entzugserscheinungen bis hin zum Alkoholdelir kommen. Im Delir wird er von einer unaufhaltsamen Unruhe zermürbt. Er sieht die berühmten weißen Mäuse, Vögel oder anderen Tiere oder fühlt sich tödlich bedroht. Krampfanfälle können auftreten. Ein solcher Zustand macht eine Krankenhausbehandlung absolut notwendig. Allerdings sind solche ausgeprägten Entzugserscheinungen nicht bei allen Alkoholikern zwangsläufig.

Die körperliche Abhängigkeit kann ein Alkoholiker durch eine Krankenhausbehandlung schnell verlieren. Die seelische Abhängigkeit jedoch verlieren viele nie mehr. Sie können nach einer Entziehungskur trocken werden, aber sie bleiben bis ans Ende ihres Lebens gefährdet. Das erste Glas Bier oder auch nur eine Cognacbohne bedeuten selbst nach Jahren oft den vollen Rückfall.

Ein Bankangestellter, der sich in seiner Jugend durch das Trinken bis an den Rand des Ruins gebracht hatte, war danach dreißig Jahre völlig trocken. Bei der Hochzeit seiner Tochter kam diese mit einem Glas Sekt auf ihn zu: „Vater, heute ist ein besonderer Tag, an dem du mir zuliebe auf mein Glück ein Glas trinken solltest.“ Es war der Beginn eines Rückfalls, aus dem der Mann sich nicht wieder erholte.

Der Alkoholismus nimmt oft einen ziemlich gleichmäßigen Verlauf. Zunächst trinkt der beginnende Alkoholiker bei jedem Problem, bei jeder Aufregung, sei sie angenehm oder unangenehm. Dann legt er sich heimlich Alkoholvorräte an, weil es schon auffällt, wieviel er trinkt. Er trinkt hastiger und bekommt Schuldgefühle. Er denkt immerzu ans Trinken. Dann kommen die ersten Probleme in der Familie, dazu eventuell alkoholbedingte Krankheiten, zum Beispiel Magenschleimhautentzündung. Auch am Arbeitsplatz gibt es Probleme durch das häufige Fehlen oder Trunkenheit. In der Liebe läuft meist nichts mehr.

Der Alkoholiker sucht für alles Missgeschick tausend Entschuldigungen, tausend Sündenböcke. Er gelobt Besserung. Er erzählt es jedem, wenn er mal nichts getrunken hat oder schon nach wenigen Gläsern aufhörte. Nur eines will er nicht wissen: dass er alkoholkrank ist. Bei Alkoholikern, die zu Aggressionen neigen, geht die Sache aber schnell ihren Gang. Der Ehepartner macht nicht mehr mit. Es folgt die Scheidung, dann Arbeitslosigkeit, Krankenhaus und wieder Krankenhaus und schließlich die Psychiatrie.

Von diesem Verlauf gibt es natürlich Abweichungen. Manche brauchen die Erfahrung des psychiatrischen Krankenhauses, andere schaffen es dann doch, von allein aufzuhören. Bei einigen geht der Abstieg immer weiter. Sie landen im Obdachlosenasyl oder auf der Straße. Manche Alkoholiker trinken unmäßig, leben aber dennoch in Frieden mit der Familie und mit festem Arbeitsplatz. Vielleicht sind es nur die körperlichen Folgen, die bei ihnen schließlich eine Behandlung notwendig machen: Entzugserscheinungen oder gar ein Delir. Vielleicht tritt ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür auf oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, eine Leberverhärtung mit Krampfadern in der Speiseröhre (was oft zu tödlichen Blutungen führt), Nervenlähmung, Herzschäden, Hirnschäden mit Augenmuskelschwäche, Sprachstörungen, Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisverlust, Hauterkrankungen oder anderes.

Aber für eine Behandlung ist es in keinem Stadium zu früh oder zu spät. Manche machen zehnmal und öfter eine Entziehung und schaffen es schließlich doch. Manche schaffen es für ein Jahr. Dann brauchen sie wieder eine kurze Krankenhausbehandlung mit Entgiftung. Aber vielen Herz- und Lungenkranken geht es nicht anders. Auch sie müssen immer ab und zu ins Krankenhaus. Man schätzt, dass von hundert Alkoholikern etwa fünfundzwanzig von allein mit dem übermäßigen Trinken aufhören, manche nach wenigen Jahren, manche erst nach Jahrzehnten. Fünfundzwanzig können durch richtige Behandlung geheilt werden. Fünfundzwanzig sterben sehr früh, viele durch Selbstmord oder durch Krankheiten, die der Alkohol verursacht. Fünfundzwanzig trinken ohne wesentliche Beeinträchtigung bis ins hohe Alter.

Warum ein Mensch ans Trinken kommt, ist schwer zu sagen. Manche Alkoholiker wissen nicht, warum sie trinken. Andere trinken vielleicht nur eine begrenzte Zeit, weil sie sich unter starkem Zwang fühlen. Wieder andere trinken, wenn sie seelische Probleme haben. Und nicht selten sagen Alkoholiker, dass Trinken eine Flucht aus schwerer, immer wiederkehrender unerträglicher Depression ist.

Im Folgenden beschreibt eine Ärztin die Situation auf einer Station für suchtkranke Frauen:

Die Station scheint auf den ersten Blick geordnet und ruhig, zeitweise fast gemütlich. Die Frauen sehen normal aus. Zum großen Teil sind sie ordentlich gekleidet und gepflegt. Viele der so ordentlich aussehenden Frauen sind wenige Tage vorher völlig verwahrlost auf die Station gekommen. Aber zum täglichen Leben der so ordentlichen Station gehört die ständige Auseinandersetzung mit sehr unordentlichen Problemen. Die immer wiederkehrenden Themen sind: schmutzige Badezimmer, Chaos in der Küche, Zigarettenlöcher in Gardinen und Tischdecken, Diebstahl, Gefräßigkeit bei Tisch, ständiges Kaffeetrinken und Rauchen, Zank, Streit, Betrügen. Die typisch Süchtigen sind: depressive Frauen, die mit Hilfe von Suchtmitteln versuchen, die Depression zu überwinden. Bei der Aufnahme sind diese Frauen abgemagert, schlaflos, appetitlos, verzweifelt. Sie halten sich für schlecht und selbst schuld an ihrem Zustand. Vorausgegangene Misshandlungen durch ihre Ehemänner halten sie für gerechtfertigt und die Einweisung für die angemessene Strafe ihrer Sünden. Ihr Äußeres haben sie vernachlässigt, weil sie sowieso niemandem mehr gefallen können. Alles erscheint ihnen sinnlos. Einen Weg, wie es weitergehen kann, sehen sie nicht, sie leiden unter dem Gefühl völliger Wertlosigkeit und Schlechtigkeit. Sie fühlen sich verlassen und hilflos.

Wesentlich für diese depressiven Menschen ist das Bedürfnis nach Wärme, Geborgenheit und Liebe. Da ihr Selbstgefühl stark von der Bestätigung durch andere abhängt, sind diese Patientinnen von demutsvoller Unterwürfigkeit. Der Hass gegen sich selbst und die Selbstanklagen sind nicht zu überbieten. Diskussionen enden immer wieder in der Feststellung: Wir sind schlecht, wir sind an allem selbst schuld. Hinter diesen Selbstanklagen steht der Wunsch, die Umgebung dazu zu bringen, das verlorene Selbstgefühl zurückzugeben. Der Umgebung wird beständig das eigene Elend vorgeführt, damit sich schließlich die anderen auch schuldig und verantwortlich fühlen sollen. Es besteht ein unstillbarer Hunger nach Liebe, und es besteht Hass, weil dieser Hunger nicht befriedigt werden kann.

Bei diesen Patientinnen geht es bei der Einnahme von Suchtmitteln nicht so sehr um den Rausch als vielmehr um die Herstellung von Ruhe und Frieden. Häufig können sie gar nicht darstellen, woran sie leiden. Wenn sie von sich erzählen sollen, ist alles „normal“ und „in Ordnung“ und „glücklich“. Aber die Berichte klingen hohl und leer.

In der Geborgenheit der Station erholen sich die Frauen erstaunlich schnell und haben bald das Einweisungselend vergessen. Schließlich sind sie oft unnormal gut gelaunt, weil sie versuchen, die Depression zu verleugnen. Die Geborgenheit der Station und Gruppe verursacht schnell ein Gefühl von Stärke und Unanfechtbarkeit. Man fühlt sich jetzt allen weiteren Gefahren gewachsen. Man macht auch nicht mehr sich, sondern die anderen für das, was passiert ist, verantwortlich. Rückfälle sind in dem Moment häufig, wenn die Gegenüberstellung mit der Wirklichkeit stattfindet. Dann wird die tatsächliche Verwundbarkeit und Hilflosigkeit wieder offenkundig. Oder der Rückfall kommt, wenn endlich ein Zimmer oder eine Arbeitsstelle gefunden wurden und die Entlassung bevorsteht.*

Eine wissenschaftliche Untersuchung ergab, dass 36 Prozent der Alkoholiker die Arbeit für das Wichtigste in ihrem Leben halten. In der allgemeinen Bevölkerung sind es nur 3 Prozent, weil ihnen die Familie wichtiger als die Arbeit ist. 40 Prozent aller Alkoholiker haben keinen Partner und außer Thekenbekanntschaften niemanden, den sie ihren Freund oder ihre Freundin nennen könnten.

*  Nach: M. Bosshard: Psychiatrische Praxis 5 (1978), S. 231-238

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:01:15
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.