Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Tagesklinik

Tagesklinik
Frau G., 39 Jahre alt, verwitwet, Kontoristin, mit einem 13-jährigen Sohn, ist seit drei Monaten depressiv. In den letzten vier Wochen vor der Aufnahme hat sie die Wohnung aus Angst nicht mehr verlassen. Sie kommt freitags in die Ambulanz des Krankenhauses, wo für den folgenden Montag die Aufnahme in die Tagesklinik vereinbart wird. Am Samstag telefoniert sie, wie es vereinbart war, mit dem diensthabenden Arzt des Krankenhauses: Es gehe ihr nicht schlecht, sie habe die verordneten Medikamente genommen. Am Sonntag aber kommt sie in die Tagesklinik und hat ein längeres Gespräch mit dem Arzt wegen verstärkter Selbstmordgedanken. Am Montag erfolgt die Aufnahme auf einer tagesklinischen Station. Da sie weiterhin suizidal ist, bleibt sie die ersten drei Nächte im Krankenhaus. Danach geht es ihr besser, und sie kann abends nach Hause gehen.

Frau G. nimmt am vollen therapeutischen Programm teil. In den psychotherapeutischen Einzel- und Gruppengesprächen begreift sie, dass ihre Depression aufgetreten ist, weil ihr Sohn jetzt zunehmend selbständiger wird. Die anstehende Trennung von ihm belebt ihre Angst und Panik, die sie als kleines Kind erlebte, als sie mit fünf Jahren plötzlich Vollwaise wurde. In dieser Phase der Behandlung gerät die Patientin in eine schwere Krise. Sie braucht dreimal in der Woche ein Gespräch mit einer Ärztin, da sie ständig von großen Verlassenheitsängsten bedroht ist. In der Beschäftigungstherapie und im Zusammenleben mit den anderen Patienten erfährt sie viel Stütze wegen ihrer Tüchtigkeit und ihres Fleißes. Dies gibt ihr Selbstbestätigung, wenn sie an sich selbst verzweifeln will. In den Gruppengesprächen wird sie damit konfrontiert, dass sie sich auf den Wiedereintritt in ihren Beruf vorbereiten muss und dass ihr Sohn — auch wenn er selbständig ist — nicht verloren gehen wird. Medikamente lindern die depressiven Symptome etwas.

Trotzdem kommt es an einem Wochenende erstmals zu einem Selbstmordversuch mit Tabletten. Die Patientin berichtet, dass sie die Wochenendtrennung von der Ärztin nicht verkraften konnte. An den folgenden drei Wochenenden bleibt sie darum im Krankenhaus. Ihren Sohn kann sie während dieser Tage bei Verwandten unterbringen. Nach Besserung ihrer Stimmungslage kann sie am Wochenende wieder nach Hause gehen, muss aber noch etwa einen Monat an Samstagen und Sonntagen zu einem kurzen Gespräch in das Krankenhaus kommen. Nach einer zweiten, aber wesentlich leichteren Krise nimmt die Behandlung schließlich einen günstigen Verlauf, und die Patientin wird in einem guten Zustand entlassen.

Wer psychisch krank ist und eine Behandlung braucht, muss darum nicht im Bett liegen. Wenn der Patient ein Zuhause hat, wenn die Konflikte mit der Umwelt nicht zu groß sind, wenn keine Gefahr besteht, dass er sich etwas antut, kann er auch abends nach Hause gehen. Und das Personal könnte das dann auch. Dies ist das Prinzip der Tagesklinik. Die Patienten kommen morgens, bleiben bis abends, wohnen aber zu Hause. Während des Tages läuft alles ab wie in einer Klinik. Für die Patienten ist das oft viel angenehmer. Sie fühlen sich nicht so sehr von der Familie getrennt, und für die Umwelt sind sie nicht Insasse einer psychiatrischen Anstalt. Die Behandlung ist natürlich auch billiger, da für die Nacht und die Wochenenden kein Personaldienst nötig ist.

Es gibt Menschen, die sehr ungünstig auf eine Krankenhausbehandlung reagieren. Die Tatsache, dass ihnen im Krankenhaus alles abgenommen wird, dass sie dort versorgt werden, keine Pflichten und wenig Rechte haben, dass sie wie ein Kind behandelt werden, bekommt diesen Menschen nicht. Gerade für Menschen, die lernen sollen, die Verantwortung für sich und ihre Handlungen zu übernehmen, ist es nicht gut, wenn man ihnen alles abnimmt. Für solche Patienten hat die tagesklinische Behandlung viele Vorteile. Sie bleiben für ihr Leben verantwortlich und können doch an einem umfassenden Behandlungsprogramm in einer Gruppe teilnehmen. Die Tagesklinik verbindet die Vorteile der Krankenhausbehandlung mit der Selbständigkeit der Patienten.

Hinzu kommt, dass durch die tägliche Rückkehr der Patienten in ihre häusliche Umwelt die Familie in den Behandlungsprozess mit einbezogen wird. So ändert sich im günstigen Fall nicht nur der Patient, sondern auch seine Beziehungen in der Familie können sich verändern. Dies trägt erheblich zur Stabilisierung des Patienten über den Zeitraum der Behandlung hinaus bei.

Eine Tagesklinik gibt es inzwischen in jeder größeren Stadt. Es gibt Tageskliniken, die mit einem Krankenhaus verbunden sind, andere arbeiten unabhängig. In unserem Fallbeispiel bleibt Frau G. an einigen Wochenenden in. der Klinik, weil es ihr schlecht geht. Das ist natürlich nur möglich, wenn die Tagesklinik mit einem Krankenhaus verbunden ist, in dem es eben Betten gibt.

Die tagesklinische Behandlung in der Bundesrepublik ist oft darauf angelegt, die «Ursache» oder Folgeerscheinungen der psychischen Störung in die Behandlung mit einzubeziehen. Damit meine ich folgendes: In einem Krankenhaus befindet sich der Patient so lange, bis die akuten Symptome der Krankheit verschwunden sind, also bis er zum Beispiel nicht mehr depressiv ist oder keine Stimmen mehr hört. Dann wird er meist entlassen. Selten wird im Krankenhaus eine weiterführende Behandlung durchgeführt, die darauf abzielt, den innerseelischen Konflikten nachzugehen, die den Patienten krank gemacht haben. Der Patient hat in der Regel auch nicht die Gelegenheit im Krankenhaus, die menschlichen Beziehungen, in denen er sich befindet, zu erforschen oder seine Arbeitsfähigkeit zu trainieren. Genau diese Dinge sind bei einer tagesklinischen Behandlung möglich, wobei der Schwerpunkt der Behandlung je nach Klinik mehr auf der Erforschung der innerseelischen Probleme des Patienten, seiner sozialen Beziehungen oder seiner Arbeitsfähigkeit liegen kann.

Bei uns in der Bundesrepublik sind Tageskliniken sehr scharf unterschieden von Tagesstätten.

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Weiterführende Informationen aus externen Quellen:

Letztmals aktualisiert: 2011-10-26 19:40:57
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.