Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Psychiatrie, das psychiatrische Krankenhaus

Das psychiatrische Krankenhaus
Harald S., 23 Jahre alt, kommt jetzt zum drittenmal innerhalb des letzten Jahres in die Klinik. Nach einem Streit mit der Freundin hat er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Freundin hatte den Arzt gerufen, und der hatte ihn mit der Polizei ins Krankenhaus geschickt. Dort wurden die Wunden genäht. Da er aber dem Chirurgen erzählt, er wolle es wieder tun, veranlasst dieser die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus. Harald S. erzählt sehr zurückhaltend. Über die Kindheit sagt er kaum etwas. Viel Schläge habe er bekommen. Die Mutter habe ihn nie vor dem Vater in Schutz genommen. Vor neun Monaten lernte er seine jetzige Freundin kennen. Seitdem hat er schon zweimal einen Selbstmordversuch gemacht, jedes Mal wegen der Freundin. Jedes Mal war er zwei Tage in der Klinik.

Er möchte auch jetzt gleich wieder nach Hause, meint aber, dass er unsicher sei, was wird. Den Vorschlag des Arztes, auf einer Spezialstation des Krankenhauses eine Therapie zu machen, nimmt er an. Aber bis dort ein Platz frei wird, muss er fünf Tage warten. Er wird noch am gleichen Tag von der Akutstation entlassen. Später wird der Doktor etwas ängstlich. Dreimal einen Selbstmordversuch in einem Jahr, hoffentlich macht er nicht gleich wieder Dummheiten. Aber nach fünf Tagen kommt Harald wie verabredet und meldet sich für die Therapie an. Jetzt ist er auf der offenen Station mit neunzehn anderen Patienten und versucht dort, in psychotherapeutischen Gruppen seine Probleme aufzuarbeiten. Er formuliert seine Situation so:

«Ich mache mich abhängig von Frauen und gebe alle meine Freiheiten auf. Dann fühle ich mich eingeengt, unterdrückt, und schließlich explodiere ich.» Sechs Wochen dauert das Behandlungsprogramm. Ein Jahr später meldet er sich beim Doktor telefonisch. Er habe immer noch gelegentlich Schwierigkeiten, aber an Selbstmord denke er nicht mehr.

Frau L. ist Mitte Fünfzig. Sie ist seit vielen Jahren verheiratet und hat zwei Töchter, vierundzwanzig und dreizehn Jahre alt. Bei der Aufnahme erzählt sie, es sei alles in Ordnung, nur zittere sie manchmal und fühle sich schlecht. Sie ist freundlich und vertrauensvoll, wirkt aber ängstlich und getrieben. Immer wieder sagt sie: «Fragen Sie mich, Herr Doktor. Was soll ich sagen?» Schließlich kommt heraus, dass sie schwere sexuelle Probleme hat, die sie aber als solche nicht erkennt. Sie glaubt, Jesus Christus werde sie heiraten. Das macht ihr Schuldgefühle und sie hat große Angst. Achtzehnmal war sie schon in einer psychiatrischen Klinik. Diesmal bleibt sie wieder drei Wochen. Sie fühlt sich danach wesentlich besser und wird entlassen. Ihr Mann, ein etwas harter Mann, sagt, sie sei eine gute Hausfrau, wenn die Angst sie nicht lähme. Als sie geht, ist an ihrem Wahn nichts geändert, aber er bedrängt sie nicht mehr so. Sie erzählt niemandem davon. Zu den Leuten ist sie freundlich. Sie ist adrett gekleidet und sorgt sich sehr um ihre Kinder. Sie wird zu Hause Medikamente nehmen und wahrscheinlich in einem oder in zwei oder drei Jahren für kurze Zeit wieder in die Klinik kommen müssen.

 Das Krankenhaus soll Ruhe, Beratung und Behandlung bieten. Für die meisten Patienten ist es mit einem kurzen Krankenhausaufenthalt getan. Die durchschnittliche Behandlungsdauer in einem psychiatrischen Krankenhaus beträgt heute weniger als 30 Tage. Manchmal allerdings braucht der Patient eine längere Behandlung, um mit seinen psychischen Störungen fertig zu werden.

Das psychiatrische Krankenhaus hat zwei Aufgaben:

Krisenintervention (das heißt die kurze Beratung bzw. Behandlung bei akuten Krisen), und  Behandlung, die einen unterschiedlich langen Zeitraum in Anspruch nimmt.

 

Harald S. befand sich in einer Situation, in der eine Krisenintervention notwendig wurde. Durch seine Selbstmordabsichten befand er sich in einer lebensbedrohlichen Situation, die sofortige Maßnahmen notwendig machten. Anschließend unterzog er sich einer Behandlung, durch die er lernte, seine Beziehung zu Frauen besser zu gestalten. Er wird wohl in Zukunft einer psychiatrischen Behandlung nicht mehr bedürfen. Frau L. brauchte ebenfalls eine Krisenintervention. Aber sie wird sie auch in Zukunft immer wieder brauchen. Die Krankheit wird ihr immer wieder zu schaffen machen. Sie wird sich durch ihre Wahnvorstellungen so bedrängt fühlen, dass sie sich für einige Zeit im Krankenhaus erholen muss. Ihre Krankheit ist schon zu alt, als dass es möglich wäre, sie ganz davon zu befreien.

Die Behandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus sollte mehrere Maßnahmen umfassen:

Das Krankenhaus soll ein Milieu bieten, in dem der Patient neue Verhaltensweisen lernen kann. Es soll seine Selbständigkeit fördern. Der Patient soll erkennen können, wie er sich verhält, wie andere auf ihn reagieren. Um dies zu ermöglichen, enthält der Tagesablauf zahlreiche Veranstaltungen, die dem Patienten Gelegenheit geben, seine Probleme anzusprechen, seine Verhaltensweisen kennen und kontrollieren zu lernen und neue Fähigkeiten zu erwerben, mit anderen Menschen umzugehen. Ein Beispiel dafür ist der hier abgedruckte Wochenplan einer Station.

In der Stationsversammlung treffen sich alle Patienten und das gesamte Personal der Station, um wichtige Angelegenheiten der Station gemeinsam zu besprechen, also zum Beispiel einen gemeinsamen Ausflug oder das störende Verhalten des Patienten X.

In der Beschäftigungstherapie kann der Patient seine handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten üben. In der Gesprächsrunde kann der Patient mit Arzt oder Psychologe persönliche Probleme zu: Sprache bringen. Die Malgruppe ist für Patienten gedacht, die weniger in der Lage sind, ihre Konflikte im Gespräch auszudrücken Durch das freie Malen gelingt es ihnen oft leichter, ihre Problem darzustellen und dann darüber zu sprechen.

 Psychotherapie kann in Form einer Einzeltherapie oder in Gruppen geschehen. Oft ist es nützlich, die Angehörigen gelegentlich einzubeziehen Durch die Psychotherapie kann der Patient seine seelischen Grundstörungen angehen. Doch ist die Behandlung im Krankenhaus immer zu kurz, um eine psychische Störung grundlegend anzugehen. Dafür ist eine ambulante Psychotherapie nach der Krankenhausbehandlung notwendig.

Soziale Beratung und Hilfe durch den Sozialarbeiter kann dem Patienten helfen, seine Lebensverhältnisse neu zu ordnen.

Wichtig ist oft auch die Behandlung mit Medikamenten. Durch sie können schwere psychische Erregungszustände, schwere depressive Verstimmungen und anderes behoben bzw. überbrückt werden.

Es gibt verschiedene Typen von psychiatrischen Krankenhäusern: die großen psychiatrischen Krankenhäuser, oft etwas außerhalb der Städte gelegen, psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, psychiatrische Kliniken an Universitäten, psychiatrische Kliniken für Kinder und Jugendliche, Fachkliniken für Suchtkranke Spezialeinrichtungen für psychisch kranke Rechtsbrecher.

Den wichtigsten Beitrag zur Versorgung von psychisch Kranken, soweit es die Krankenhausbehandlung betrifft, leisten die großen psychiatrischen Krankenhäuser. Die Errichtung dieser Krankenhäuser, viele von ihnen wurden vor mehr als 100 Jahren gebaut,  bedeutete, dass die Schwerkranken abseits der Städte in abgetrennten Lebensräumen Zuflucht fanden. Da die Behandlungsmöglichkeiten früher gering waren, ging man davon aus, dass diese Kranken nicht heilbar waren. Was dabei jedoch einen Vorteil bedeutete, hat sich später als Nachteil herausgestellt. Die Behandlung in einem abgelegenen psychiatrischen Krankenhaus bedeutet Absonderung von der normalen Lebensgemeinschaft. Viele psychiatrische Krankenhäuser waren überfüllt, moderne Behandlungsmethoden fanden nur schwer Eingang. Doch ist inzwischen vieles geschehen. Die Personalausstattung ist besser. Die Gebäude sind modernisiert, neue therapeutische Methoden werden nicht länger ignoriert.

Die psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern tragen der Forderung Rechnung, dass psychisch Kranke gemeindenah behandelt werden sollen. Diese Abteilungen sind auch nicht mit den Traditionen belastet, die die psychiatrischen Krankenhäuser überwinden mussten. Sie haben in der Regel nicht mehr als hundert Betten und sind oft vielseitig in ihrem Behandlungsangebot.

Psychiatrische Kliniken an Universitäten sind im wesentlichen so strukturiert wie psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern. Sie haben zusätzlich die Aufgabe, Studenten zu unterrichten.

Die Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie müssen vor allem pädagogisch orientiert sein. Kinder mit psychischen Störungen brauchen eine liebevolle Umgebung und eine ihren Handicaps angepasste Erziehung. Darin liegt aber auch das Problem dieser Einrichtungen. Die Entfernung der Kinder aus dem Elternhaus bedeutet meist eine zusätzliche  Belastung, egal wie schlecht das Elternhaus auch sein mag. Darum sollten Kinder auch nur in der allergrößten Not aus dem Elternhaus genommen werden. Um die Trennung von den Eltern wettzumachen, bedarf es ungewöhnlicher Anstrengungen. Die Kinder brauchen feste Bezugspersonen, auf die sie sich verlassen können und die ihnen geben, was sie im Elternhaus häufig nur mangelhaft bekommen haben, nämlich Zuwendung und Verständnis. Für Kinder wäre es fast immer besser, sie würden ambulant unter der Einbeziehung der Eltern behandelt, vielleicht auch im Rahmen einer Familientherapie. Bei Jugendlichen dagegen kann die Krankenhausbehandlung oft sehr sinnvoll sein.

Die Fachkliniken für Alkoholkranke sind Einrichtungen, in denen Alkoholiker und Medikamentenabhängige eine mehrmonatige Entziehungskur machen können. Am Anfang der Behandlung von Suchtkranken steht die Entgiftung. Sie kann in einem Allgemeinkrankenhaus oder einem psychiatrischen Krankenhaus geschehen. Die anschließende Entziehungskur umfasst: Psychotherapie, Beschäftigungstherapie, soziale Hilfen, sofern nötig, körperliche Behandlung und oft auch Arbeitstraining. Das Wichtigste bei der Behandlung ist, dass die Suchtkranken wieder Selbstachtung und Selbstvertrauen gewinnen — entsprechend muss auch das Klima der Fachklinik sein.

Für Drogenabhängige gibt es ebenfalls Spezialeinrichtungen. Am Anfang der Behandlung steht auch hier die Entgiftung im psychiatrischen Krankenhaus. Die anschließende Behandlung dauert lange und muss übergeleitet werden in eine Wohngemeinschaft. Wegen der langen Dauer der Behandlung und des jugendlichen Alters der Drogenabhängigen müssen die therapeutischen Einrichtungen den Charakter einer relativ kleinen familienähnlichen Gruppe haben. Anders ist es schwer, den Jugendlichen den Halt zu geben, den sie brauchen, um durchzuhalten. Die meisten Drogenabhängigen machen sich schon durch den Besitz von Drogen strafbar. Werden sie erwischt, fühlen sich die Gerichte gezwungen zu bestrafen. Dass dies aber niemandem nützt, ist auch den Richtern klar. Die Richter probieren es dann oft damit, dass sie den Drogenabhängigen eine Therapie zur Auflage machen und die Haftstrafe erlassen, oder sie stellen die Wahl zwischen Therapie und Knast.

Spezialeinrichtungen für psychisch kranke Rechtsbrecher sind meist innerhalb psychiatrischer Krankenhäuser gelegen. Sie sind besonders gesichert, so dass die Insassen nicht entweichen können. Auch diese Einrichtungen sollten nach therapeutischen Gesichtspunkten eingerichtet sein.  Für die Patienten, aber auch für das Personal in solchen Kliniken besteht eine extrem schwierige Situation. Das Personal soll sich therapeutisch verhalten, aber zugleich muss es auf die Sicherheit achten. Das sind zwei widersprüchliche Anforderungen, die schwer gleichzeitig zu erfüllen sind. Hinzu kommt, dass psychisch kranke Rechtsbrecher oft besonders schwer zu behandeln sind. Zu einer freimütigen therapeutischen Beziehung sind sie oft kaum in der Lage; denn wenn sie von ihren Neigungen zu Straftaten berichten, was für eine Therapie notwendig ist, müssen sie fürchten, länger festgehalten zu werden.

Letztmals aktualisiert: 2010-04-21 14:30:00
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.