Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Psychotherapeut

Die berufsbegleitende Ausbildung in Psychotherapie nach dem Studium ist eine sehr lange Ausbildung. Sie besteht einmal in theoretischem Unterricht. Daneben muss der angehende Psychotherapeut oder Psychoanalytiker sich viele Jahre lang selbst einer Psychotherapie oder Psychoanalyse unterziehen. Nur durch die Erfahrung mit sich selbst, die er während dieses Prozesses macht, wird er fähig, andere zu behandeln. Am Anfang seiner Tätigkeit wird er ferner die Behandlung seiner Patienten durch einen erfahrenen und älteren Kollegen kontrollieren lassen.

«Ich bin als Psychotherapeut an einer Klinik tätig. Ich habe nicht viele Patienten zur gleichen Zeit, etwa nur fünfzehn. Aber ich sehe jeden mehrmals, das heißt, zwei- bis fünfmal in der Woche. Jedesmal eine dreiviertel Stunde.

Am Anfang ist es für den Patienten schwierig, sich in die Behandlung zu finden. Er ist gewöhnt, dass der Arzt ihm Fragen stellt, ihn untersucht, ein Medikament verschreibt. Nach einer Woche will er dann wissen, ob es geholfen hat. Ich mache bei meinen Patienten keine Untersuchungen und verordne keine Medikamente. Ich habe für sie Zeit und konzentriere mich auf das, was sie sagen. Wenn der Patient schweigt, eine Viertelstunde oder auch mehr, ist das auch nicht schlimm. Er hat für jede Sitzung eine dreiviertel Stunde Zeit, über die er ohne Zwang verfügen kann.

Das macht vielen Patienten Schwierigkeiten, besonders am Anfang. Der Patient ist gekommen, weil er seit fünf Jahren Kopfschmerzen hat oder nicht mehr arbeiten kann oder depressiv wurde. Er hat viele Ärzte besucht. Weil schließlich keiner weiter wusste, haben sie ihn zu mir geschickt. Da sitzt er also und erzählt seine lange Leidensgeschichte. „Fünf Jahre habe ich Kopfschmerzen, nichts hat geholfen. Was wollen Sie denn jetzt Neues machen? Haben Sie einen besseren Rat? Soll es durch bloße Gespräche weggehen, ohne Untersuchungen, ohne Medikamente? Also, Herr Doktor, wo kommen meine Kopfschmerzen denn her? Die anderen Ärzte haben es nicht rausgekriegt.“

Nun, da sitze ich — und ich weiß es auch nicht. Aber ich höre zu, und ich weiß eines: Der Patient wird es selbst herausfinden. Ich sage nicht sehr viel in den Sitzungen, und einen Rat werde ich dem Patienten schon gar nicht geben. Aber ich achte darauf, was der Patient durchmacht, wenn er dasitzt. Er wird ungeduldig, ärgerlich, hoffnungslos, vielleicht aber konfrontiert er mich auch mit seinen großen Erwartungen und Ansprüchen. Er spricht von seinen Kopfschmerzen und Depressionen, und ich merke zum Beispiel, dass er mir gegenüber skeptisch ist, sogar herablassend. Ich achte auf seine Gefühle mir gegenüber und auf meine Gefühle, die ich habe. Ich kann dann zum Beispiel merken, dass er mich vielleicht unendlich idealisiert, ohne dass es ihm bewusst wird. Ich bin in seiner Vorstellung allmächtig und allwissend, aber er wehrt sich dagegen, hat Angst vor dieser Vorstellung und setzt mich darum ständig herab.

In dem Prozess der langen Therapie wird sich das Bild, das der Patient von mir hat, allmählich ändern, indem ihm mehr und mehr bewusst wird, welche Gefühle in ihm durch die Therapie lebendig geworden sind und wieviel sie mit Vorstellungen, Wünschen und Ängsten seiner Vergangenheit zu tun haben. Ihm wird klar, dass die Skepsis, die er gegenüber der Behandlungsmethode hatte, eigentlich eine Skepsis war, die er mir gegenüber hatte. Innere Bilder, nach denen er oft die Wirklichkeit unbewusst verformte, die ihn bedrückten und krank machten, kann er kennen lernen. Vielleicht kommt heraus, dass der Patient skeptisch war, weil er nur damit seine große Angst bekämpfen konnte, eine Angst, die aus seiner Kindheit stammt. Sie hat in seiner Ehe weiter bestanden, und er hatte sie immer wieder, ohne es zu merken, zum Beispiel auch gegenüber seinen Vorgesetzten im Berufsleben. Sie hat seine ständigen Kopfschmerzen und Depressionen verursacht.

In jeder Psychotherapie oder Psychoanalyse kommt eine Phase, in der der Patient in seiner Beziehung zu mir ganz „klein“ wird. Er fühlt sich wie ein Kind: abhängig. Dieses Gefühl kann sich bis zur Verliebtheit steigern. Schwierig ist es, dieses Gefühl der Abhängigkeit allmählich so aufzulösen, dass der Patient gegenüber seinen Gefühlen stärker wird. Das ist ein oft lange dauernder Prozess, in dem der Patient daran arbeiten muss, zu verstehen, warum er gerade so reagiert. Nur dann kann er innerlich frei und selbstbestimmt werden. Die gefühlsmäßigen Reaktionen der Patienten in der Therapie führen immer an den Kern des Problems.

Es gibt viele psychologische Methoden neben der analytischen Psychotherapie, die ich anwende; zum Beispiel die Verhaltenstherapie. Ich arbeite nicht nach dieser Methode; denn sie vernachlässigt den Zusammenhang der Beschwerden mit der Lebensgeschichte des Patienten. Sie versucht ziemlich mechanisch, dem Patienten irgend etwas an- oder abzugewöhnen oder gehen nur auf die aktuelle Krise ein. Man kann sagen, das hilft um so mehr, um so gesünder der Patient ist. Ich persönlich glaube, wenn man sich mit der Psyche des Menschen und ihren Leiden auseinandersetzt, muss man meines Erachtens folgende Grundsätze beachten: Der Patient hat zu bestimmen, wo es langgeht. Er muss die Chance haben, sich und seine Leiden zu verstehen. Er kann dies nur, wenn er sich mit seiner eigenen Geschichte befasst, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.»

Letztmals aktualisiert: 2010-04-21 14:30:00
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.