Der Psychiater ist Arzt und Spezialist für seelische Störungen. Er kann zunächst einmal eine Diagnose stellen. Liegt den psychischen Störungen eine körperliche Ursache zugrunde oder handelt es sich um eine neurotische Störung, eine Psychose oder um etwas anderes? Jeder Psychiater ist in der Lage, ein beratendes und stützendes Gespräch mit dem Kranken zu führen, und er kann Medikamente verschreiben. Für eine richtige Psychotherapie ist jedoch eine zusätzliche Ausbildung erforderlich, die heute fast jeder Psychiater hat. Zum Psychiater kommt man wie zu jedem Facharzt mit dem Krankenschein oder durch Überweisung.
«Seit drei Jahren arbeite ich als Fachärztin für Psychiatrie in meiner Praxis. Mein Arbeitstag ist hart. Ich arbeite täglich zehn Stunden, nur der Mittwochnachmittag ist für Fortbildung da. Ein Patient gibt dem anderen die Tür fast in die Hand. Immer voll da sein; denn der Patient braucht mich ganz. Da ist keine Schwester, die sich zwischendurch um ihn kümmert. Die meisten unserer Patienten werden von Allgemeinärzten oder Internisten geschickt. Aber schätzungsweise 25 Prozent melden sich auch, weil sie das Schild draußen am Gartenzaun gelesen haben: Dr. med. Inge S. Ärztin für Psychiatrie, Psychotherapie, alle Kassen. Oder weil Bekannte oder Verwandte erzählt haben, dass ihnen bei mir geholfen worden ist.
Viele Patienten brauchen über sehr lange Zeit Hilfe, und die Aufnahmekapazität meiner Praxis ist bereits erschöpft. So hat die Praxis lange Wartezeiten von zwei bis drei Monaten. Es bedrückt mich oft, immer wieder Patienten abweisen zu müssen. Nur bei wirklich dringenden Notfällen, etwa bei drohendem Selbstmord, muss sofort —ohne Rücksicht auf überfüllte Sprechstunden — ein Termin gegeben werden.
Nur manchmal denke ich daran, wie schnell mir hier in meiner Praxis das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, der Gang zum Psychiater könnte peinlich sein. Zu schlimm sind die Schicksale meiner Patienten, besonders der Kindheit, die das ganze spätere Leben zerstörten, zu groß ist das Bedürfnis nach Hilfe. Vergewaltigt, halb totgeprügelt, vernachlässigt worden zu sein, das kommt mir inzwischen ganz alltäglich vor.
Ich versuche, jede Erkrankung auf dem Hintergrund der Lebensgeschichte und der Lebensumstände des Patienten zu verstehen. Aber nicht jeder Patient ist deshalb für eine psychotherapeutische Behandlung geeignet oder dazu bereit. So kommen doch viele im Laufe der Zeit nur noch in vier- bis sechswöchigen Abständen zu einem zehn- bis zwanzigminütigen Gespräch. Sie erhalten ein Rezept, andere eine Spritze, in meist vierzehntägigen Abständen.
Wer gesund werden will, der wird auch meist gesund. Dafür muss der Patient mit mir das durcharbeiten, was ihn krank gemacht hat. Aber nicht jeder will so genau über sich Bescheid wissen. Manche meiner Patienten sind nach der Behandlung zwar nicht frei von ihren Beschwerden. Aber sie haben wenigstens gelernt, damit umzugehen und damit leben zu können, ohne immer am Rand des Abgrunds zu stehen.
Es ist eine harte Arbeit. Ich arbeite mich halb tot. Aber mir macht meine Praxis ungeheuren Spaß, weil ich so vielen Menschen wirklich helfen kann.»