Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind freie Zusammenkünfte von Menschen mit ähnlichen oder gleichen Problemen. Sie versuchen, sich gegenseitig aus ihren Schwierigkeiten herauszuhelfen. Die Gruppen umfassen sechs bis zwanzig Personen. Jeder, der meint, dass es ihm hilft, kann hingehen. Jeder ist erst einmal für sich da. Er hilft dem anderen am besten, wenn er versucht, sich selbst zu helfen. Die Teilnehmer können anonym bleiben, was ihr bürgerliches Leben betrifft. Alle Mitglieder sind gleich. Es gibt keine Therapeuten, keine Fachleute. Selbsthilfegruppen haben keine feste Organisation, keine Mitgliederlisten, keine Beiträge, keine Funktionäre. Sie haben Kontaktadressen, und gelegentlich treffen sich auch mehrere Gruppen. Manche Gruppen geben auch regelmäßig Schriften heraus.

«Lieber Freund,
ich sitze vor der Schreibmaschine und weiß nicht, was ich Dir schreiben wollte. Es fehlt mir der Kontakt zu Dir. Ich mache es ganz einfach so, ich schreibe Dir ein bissen über mich.

Ich war als älteres Kind und ganz junges Mädchen ein Erfolgstyp insofern, als ich überall beste Leistungen brachte. Sogar in Mathematik, Sport und Handarbeiten. Mit etwa 15 Jahren merkte ich, dass das bei den Jungen nicht zählte. Da waren ganz andere Typen gefragt. Ich beschäftigte mich mit Literatur, Musik, Tagebuchschreiben, und das alles wäre ja gar nicht schlimm gewesen, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, überall die Erste sein zu müssen. So war da die Diskrepanz: Einerseits hatte ich meine eigenen Vorstellungen, andererseits wollte ich ganz und gar sämtlichen Leuten, einschließlich jungen Männern, gefallen. Meine Komplexe wurden riesenhaft. Gleichzeitig fraß ich so vor mich hin, und wenn ich mich nicht mehr ertragen konnte, unternahm ich einen Selbstmordversuch. Meine armen Eltern wurden langsam irre an mir. Nach einigen traurigen Jahren bekam ich einen neuen Aufwärtstrend. Ich hatte dolle berufliche Erfolge und gleichzeitig eine erwiderte Liebe. Meine Fresssucht bekam niemand mit, außer meiner Mutter. Meine Fresssucht wurde täglich entsetzlicher. Ich aß sozusagen meine Sparkonten leer, belog nicht nur meinen Chef und die Kollegen, sondern natürlich auch meinen geliebten Mann, wenn ich irgendwohin wollte,
 um zu essen. Als mich vertrauenswürdige Ärzte fragten, warum ich den Selbstmordversuch (während meiner Ehe) unternommen hatte, habe ich ihnen nur Lügen aufgetischt. Die Folge war, dass ich in einer Nervenklinik landete. Keiner wusste, was mit mir los war, und ich bekam viel zu viel Tabletten. Ich schaffte es, sechs Wochen meine Esssucht zu unterdrücken. Was danach folgte, war um so schlimmer.

Wenn ich jetzt anfangen sollte, von den weiteren Jahren (Selbstmordversuche, Ehescheidung, Männer) zu erzählen, würde wohl ein Buch daraus, und ich wüsste auch gar nicht, ob das, was ich von mir berichte, für Dich wichtig ist.

Ich hatte jedenfalls derartige Schuldgefühle, dass ich überhaupt keinen richtigen Kontakt zu anderen Menschen finden konnte. Niemals hatte ich auch nur einem Menschen berichtet, was mich bedrückte, und zum Schluss wusste ich selbst nicht, was mich bedrückte. Ich wusste eines Tages überhaupt nichts mehr. Ich war so weit unten, seelisch, lag im Bett, wusch mich nicht mehr, hatte keine Arbeit, keine Freunde, vegetierte wochenlang vor mich hin. Ich hatte so viel an mir selbst gelitten, an meinen nicht erfüllten Erwartungen, hatte qualvolle Jahre der Sucht, der Einsamkeit hinter mir, ich konnte nicht mehr. Ich wollte mich nicht einmal mehr umbringen. Zu der Zeit wusste ich noch nichts von EA. 1

Als ich das erste Mal zur EA kam, mich die Monika umarmte und sagte, ich hab dich lieb, als ich plötzlich das Gefühl hatte, hier kann ich alles sagen, was ich sagen möchte, hier habe ich Vertrauen und fühle mich geborgen, hier werden keine Leistungsmaßstäbe angelegt, da hatte ich Mut, zwei EA-Freundinnen anzusprechen, die von sich gesagt hatten, dass sie Essprobleme hätten. Und was hörte ich? Sie hatten die gleichen Erlebnisse gehabt, entwürdigende, demütigende und beschämende. Ich war nicht ein fürchterliches Individuum, ich gehöre zu einer, vielleicht sehr kleinen Gruppe von Menschen, die die gleichen Probleme haben. Das war damals mein Anfang bei EA.

Wir sagen, die Genesung des einzelnen beruht auf der Einigkeit in EA. Das glaube ich auch. EA ist etwas, woran ich glaube, ich fühle mich außerstande, darüber zu diskutieren. Wie kann ich über etwas diskutieren, woran ich glaube? Auch ich will vieles mit dem Verstand erfassen, aber in dieses EA-Prograrnm habe ich mich fallenlassen.

Und ich sehe keinerlei Wert darin, darüber nachzugrübeln, warum ich dies konnte und warum ich dies woanders nicht getan habe. Es ist so.

In EA-Verbundenheit

Ingeborg»2

Die Gruppen treffen sich meist einmal in der Woche für ca. zwei Stunden. Die Teilnahme ist immer freiwillig. Wer nicht will, braucht nichts zu sagen. Niemand wird gefragt. Aber jeder, der das Bedürfnis hat, kann sprechen von sich und seinen Problemen. Es ist schwer, für einen Außenstehenden etwas über die Bedeutung von Selbsthilfegruppen zu sagen. Jede Gruppe ist anders und hat ihre eigene Geschichte. Das Wichtigste an der Gruppe ist, dass die Mitglieder eine neue Erfahrung von Solidarität in ihrer Not machen. Ihre «Krankheit», der sie sich bislang immer schämten, die ihnen viele Demütigungen einbrachte, wird hier akzeptiert. Ein Rückfall ist hier nie ein Grund zu verzweifeln, sondern immer ein neuer Anfang.

In den Gruppen wird jeder akzeptiert. Dies schafft Vertrauen und das Gefühl von Geborgenheit. Jeder weiß, dass er Probleme hat, mit denen er allein nicht fertig wird. Darin sind alle Teilnehmer gleich. Über Hintergründe von Verhaltensweisen, Ursachen, Dynamik der Gruppe wird nicht in einem technisch aufklärenden Sinn gesprochen. Aber es entsteht in den Gruppen eine Atmosphäre gefühlsmäßiger Offenheit, die den Mitgliedern neue Erfahrungen mit sich selbst ermöglicht.

Viele Selbsthilfegruppen, so besonders die Anonymen Alkoholiker, konfessionelle Gruppen und die Selbsthilfegruppen für seelische Gesundheit sind in ihrer Arbeit  auf religiöse Vorstellungen bezogen. Dies ist zweifellos nicht jedermanns Sache. Hinzu kommt, dass viele Menschen, die eine Selbsthilfegruppe suchen, auf Menschen treffen, mit denen sie sich nicht so gut verstehen. Dann muss man weiter suchen. Jede Gruppe ist anders und fast immer findet sich doch eine Gruppe, von der man sagen kann, das sind Menschen, die zu mir und zu denen ich passe. Die Selbsthilfegruppen haben eine Bedeutung, die berufsmäßige Institutionen nie bekommen können: Sie lassen denen, die Hilfe brauchen, die Chance, sich selbst zu helfen.

Anonyme Alkoholiker (AA) gibt es in jedem größeren Ort, oft sogar mehrere. Selbsthilfegruppen für seelische Gesundheit (EA) gibt es in größeren Städten. Daneben gibt es Selbsthilfegruppen für Drogenabhängige, Angehörige von geistig Behinderten, Alte, Insassen von psychiatrischen Krankenhäusern, Sprachbehinderte und viele andere. Auskünfte über die Selbsthilfegruppen, die es gibt, über ihre Adressen und Programme finden Sie im Internet unter „NAKOS“ (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen) und unter „Selbsthilfegruppen“
 

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:06:08
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.