Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Psychotherapie

Die meisten Formen der Psychotherapie gehen auf die Psychoanalyse zurück. Sie hat einige wichtige Tatsachen über die Psyche des Menschen entdeckt.

Der Mensch hat Bestrebungen, Gefühle, Ängste, Wünsche und Vorstellungen, die ihm nicht bewusst sind. Aber obgleich sie nicht bewusst sind, können sie doch sehr bestimmend für sein Handeln sein. In der Psychotherapie versuchen Patient und Therapeut gemeinsam, Unbewusstes bewusst zu machen, so dass der Mensch freier wird gegenüber seinen eigenen Vorstellungen. Der Mensch kann sein Handeln dadurch besser durch seine Vernunft kontrollieren.

Der Charakter eines Menschen wird in der Kindheit gebildet. Durch beabsichtigte oder unbeabsichtigte Einflussnahme werden die besonderen Charakterzüge eines Menschen von den Eltern, von den Geschwistern, von anderen nahen Bezugspersonen oder durch besondere Lebensereignisse geprägt. Dabei muss man berücksichtigen, dass Ereignisse, die uns Erwachsenen später als unbedeutend erscheinen, aus der Sicht eines Kindes eine viel größere und vor allem eine völlig andere Bedeutung haben können. Phantasie und Wirklichkeit sind bei Kindern noch nicht scharf getrennt. Erzählungen von Zauberei, Märchen, leicht hergesagte Drohungen usw. können für Kinder Dinge sein, denen sie in der wirklichen Welt zu begegnen glauben.

Ein junges Mädchen erinnert sich in einer Therapiestunde an ein schreckliches Erlebnis aus ihrer Kindheit:
«Ich habe versucht, meine Schwester zu töten, als sie geboren wurde», sagt sie.
«Wie hast du das gemacht?»
«Ich habe versucht, sie aus dem Fenster zu werfen. Ich war beinahe so weit, als meine Mutter hereinkam und mich zurückhielt.»
«Haben dich deine Eltern bestraft?»
«Nein. Niemand hat es je wieder erwähnt.»
Sie fühlte eine langsame mit Angst durchsetzte Dankbarkeit ihrer Familie gegenüber, die mit einem Ungeheuer gelebt und es wie einen Menschen behandelt hat.
«War das Fenster offen?» fragte die Ärztin.
«Ja, aber ich erinnere mich, es weiter geöffnet zu haben.» «Hast du es ganz aufgemacht?»
«Genug, um mich mit dem Baby weit hinauszulehnen.»
«Ich verstehe. Dann, nachdem du das Fenster geöffnet und es geprüft hattest, indem du dich hinauslehntest, bist du hingegangen und hast das Baby geholt?»
«Nein — ich habe es erst hochgenommen und dann beschlossen, es zu töten.»
«Ich verstehe.»

Die Ärztin lehnt sich zurück.
«Jetzt spiele ich Detektiv», sagt sie, «und teile dir mit, dass deine Geschichte zum Himmel stinkt! Eine Fünfjährige hebt ein schweres Kind hoch, trägt es zum Fenster, hält es auf der Fensterbank mit ihrem eigenen Körper, während sie das Fenster öffnet und das Hinauslehnen übt, hebt das Baby über die Fensterbank und hält es mit ausgestreckten Armen aus dem Fenster, bereit, es fallen zu lassen. Die Mutter kommt herein, und wie der Blitz reißt diese Fünfjährige das Baby nach drinnen, wo es zu weinen anfängt, so dass die Mutter es 'nimmt!»
«Nein — in dem Augenblick war es schon wieder im Körbchen.» «Sehr interessant», sagt die Ärztin.
«Bin ich nun verrückt, oder hast du diese Geschichte erfunden, als du fünf Jahre alt warst und hereinkamst, das Baby dort liegen sahst und es so hasstest, dass du es töten wolltest?»
«Aber ich erinnere mich ...»
«Du magst dich wohl daran erinnern, dein Schwesterchen gehasst zu haben, aber die Tatsachen sprechen gegen dich. Was hat deine Mutter gesagt, als sie hereinkam? Sagte sie: <Leg das Baby wieder hin> oder <Tu dem Baby nicht weh?>»
«Nein, ich erinnere mich ganz deutlich. Sie sagte: <Was machst du denn hier?> Und ich erinnere mich, dass das Baby dann weinte.»
«Der Hass war real und der Schmerz auch. Aber du warst einfach nicht groß genug, um irgend etwas von dem zu tun, woran du dich erinnerst. Die Scham, die, wie du sagtest, deine Eltern all diese Jahre empfunden haben, war nur dein Schuldgefühl, dass du deiner Schwester den Tod gewünscht hast. Mit der falschen Vorstellung deiner eigenen Macht hast du jene Gedanken in eine Erinnerung verwandelt.»
«Es hätte genauso gut Realität sein können; ich habe all die Jahre damit gelebt, als ob es real wäre.»
«Ja, das ist wahr», sagte die Ärztin lächelnd, «aber du wirst dich mit diesem besonderen Stock nicht länger selbst prügeln können. Unsere Möchtegernmörderin ist nichts weiter als eine eifersüchtige Fünfjährige, die in die Wiege des Eindringlings schaut.» 4

Für viele Menschen ist die Entdeckung der Psychoanalyse, dass die Erlebnisse der Kindheit sowohl Charakter als auch unter Umständen psychische Krankheiten des Erwachsenen bestimmen, schwer zu verstehen. Die Sache wird leichter einsehbar, wenn man berücksichtigt, dass der psychische Apparat des Menschen nicht angeboren ist, sondern in der Kindheit erst ausgebildet wird. Arme und Beine, Herz und Lunge sind bei der Geburt voll entwickelt, nur kleiner. Aber die Fähigkeit, sich als Person zu empfinden, Triebe zu zügeln, Interesse zu haben, Aggressionen zu kontrollieren, Ausdauer, Vertrauen und Intelligenz entwickeln sich in den ersten fünf Lebensjahren. Es dauert allein ein Jahr nach der Geburt, bis das Gehirn voll ausgereift ist. Das Gehirn ist aber nur die Grundlage unserer seelischen Leistungen, die sich größtenteils erst nach fertiger Ausbildung des Gehirns entwickeln können. Wahrscheinlich werden einige Charaktereigenschaften des Menschen auch biologisch vererbt. Aber das sind nur sehr allgemeine Eigenschaften. Nehmen wir an, ein Kind erbt ein starkes Temperament von den Eltern. Dann ist immer noch offen, was aus diesem Temperament wird. Ob aus dem Menschen eine Stimmungskanone wird oder ein jähzorniger Mensch, ist erblich nicht festgelegt, sondern abhängig von der kindlichen Erfahrung, von den Einflüssen durch Eltern, Geschwister, Lebensbedingungen, Schule, Freunde usw. Nie wieder in seinem Leben ist ein Mensch so offen für Einflüsse durch andere, so auf andere Menschen angewiesen, wie in seiner frühen Kindheit.

Ebenso entsteht die Grundlage von psychischen Störungen in der Kindheit. Sie werden aber nicht etwa nur durch falsche Erziehung verursacht. Auch wenn die Mutter zum Beispiel vorübergehend krank oder durch Arbeit überlastet ist, oder wenn das Kind von den Eltern getrennt werden muss, oder wenn ein Kind besonders empfindlich auf ansonsten normale Belastungen reagiert, kann es zu Störungen in der kindlichen Entwicklung kommen.

Aber nicht immer ist es das Ziel Fehlentwicklungen der Kindheit zu korrigieren. Meist genügt es, dass durch die Behandlung Konflikte, die dem Patienten unbewusst sind, aufgedeckt werden können. Das geschieht in der sogenannten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Sie findet meist einmal die Woche statt. Als „Kurzzeitherapie“ umfasst sie 25 Stunden. Wenn sie längere Zeit in Anspruch nimmt gewähren die Krankenkassen bis zu 100 Stunden.

Die analytische Psychotherapie findet zwei bis vier Mal die Woche statt und umfasst maximal 300 Stunden. Sie führt den Patienten bis an den kindlichen Ursprung seiner Konflikte. Sie ist die aufwendigste, vielleicht oft auch wirksamste Form. Der Patient wird aufgefordert zu erzählen, was ihm in den Sinn kommt. Der Analytiker mischt sich nie ein, sondern versucht, das Erzählte auf die gefühlsmäßige Bedeutung für den Patienten und im Hinblick auf frühere Erfahrungen zu deuten. Allmählich kommt der Patient, indem er seinen freien Einfällen folgt, an Gefühle und Erinnerungen, die ihm bislang unbewusst waren. Er erlebt den Analytiker dabei zeitweise wie wichtige Personen seiner Kindheit. Dieses Neuerleben einer längst vergangenen Erfahrung macht eine Korrektur durch den Patienten selbst möglich.

Frau Sabine W. befindet sich wegen häufiger Depressionen in psychoanalytischer Behandlung. Sie hat große Probleme mit ihrem Mann. Sie nörgelt oft an ihm herum und verachtet ihn andererseits dafür, dass er sich das gefallen lässt. Wehrt er sich, dann gerät sie außer sich, so dass der Mann schließlich doch wieder klein beigibt. Frau W. weiß das alles, kann es aber nicht ändern. Zu Anfang der analytischen Behandlung ist Frau W. von ihrem Analytiker begeistert. Sie fühlt sich wie umgewandelt. Nach einigen Monaten jedoch wird Frau W. sehr unzufrieden. Sie findet ihren Analytiker schlecht, unfähig, trottelig. Der Analytiker macht sie darauf aufmerksam, dass sie sich ihm gegenüber verhalte wie gegen ihren Mann. Als Frau W. dieses einsehen kann, wird sie depressiv und vermutet, dass der Analytiker ihr nicht helfen will, obwohl er kann. Sie hat nun plötzlich Angst vor ihm. Sie denkt daran, die Analyse abzubrechen, tut es aber nicht — wie sie sagt — aus Angst vor ihm. Sie erlebt ihn kalt und herzlos. Diese Phase dauert lange. Schließlich entwickelt Frau W. ein starkes Gefühl der Abhängigkeit von ihrem Analytiker. Sie fühlt sich hilflos und ängstlich. In diesem Prozess erkennt Frau W., dass sie hier Stadien durchmacht wie in ihrer Kindheit, teilweise jedoch in umgekehrter Richtung. Es war ihre Mutter, die sie als kalt erlebt hat. Enttäuscht davon hat sie sich als Kind schließlich dem Vater zugewandt. Der war ihr aber gegen die starke Mutter keine Hilfe. Sie hatte sich darum wieder zurückgewandt zur Mutter und sich mit ihr identifiziert und den Vater wegen seiner Schwachheit verachtet. Das Entscheidende aber war, dass sie die erste Enttäuschung durch die Mutter und die Angst vor ihr dadurch scheinbar überwand und vergaß, dass sie so wurde wie die Mutter. Ihren Mann hat sie darum wie ihren Vater behandelt. Sie konnte dies aber nicht ändern, solange die Angst vor der Mutter nicht bewusst und damit überwunden wurde.
 

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:06:29
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.