Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Familientherapie

Im folgenden ein Auszug aus einer Familientherapie.5 Die Familie besteht aus drei Mitgliedern: dem Vater Mario, der Mutter Martha und dem sechsjährigen Sohn Lionello. Die Familie hatte um Behandlung nachgesucht, weil Lionello seit einiger Zeit autistisch war. Er sprach mit keinem und reagierte auch nicht auf Aufforderungen.

In der dritten therapeutischen Sitzung, in der auch die Großeltern eingeladen worden waren, fiel den Therapeuten auf, dass die Großmutter eine Erklärung bis zum Überdruss wiederholte: Sie fühlte sich getrieben, vor allem jene zu lieben, die nicht geliebt wurden. Sie liebte auch Lionello, ihren psychotischen Enkel, gerade deshalb so sehr, weil sie den Eindruck hatte, ihre Tochter Martha habe ihn nie akzeptiert, seit seiner Geburt. Bis zu dieser Stunde kam sie nicht darüber hinweg (sie sprach mit tränenunterdrückter, zitternder Stimme), wie diese Lionello behandelte, wie sie ihn fütterte. Sie sagte, ihre Tochter behandle ihn «wie ein Stück Vieh».

Zur nächsten Sitzung waren nur die Eltern und Lionello bestellt. Ausgehend von dem in der letzten Sitzung gesammelten Material lobten die Therapeuten zu Beginn Lionello für seine große Sensibilität: Er hatte gedacht, die Großmutter würde, großherzig wie sie war, nur jene lieben, die sonst von niemandem geliebt wurden. Also hatte er gedacht, es sei dringend notwendig, der Großmutter in seiner Person jemanden zu verschaffen, den sie lieben konnte. Aus diesem Grunde hatte er schon als ganz kleiner Junge begonnen, sich auf tausenderlei Arten unausstehlich zu benehmen. So wurde die Mama zwar nervös und ärgerte sich über ihn, aber die Großmutter fand seiner Vorstellung nach— in ihm einen Trost: Nur sie hatte genügend Geduld, nur sie liebte den armen Lionello!

Die Therapeuten fuhren fort: «Nicht wahr, Lionello? Du bist es, der sich vorgenommen hat, verrückt zu sein, um allen zu helfen und alle zu trösten. Niemand hat dir das befohlen. (An die Eltern gewandt) Sehen Sie? Lionello sagt nichts, er weint nicht. Weil er entschlossen ist, so weiterzumachen wie bisher, und er macht es gut, da er ja davon überzeugt ist.»

Ich habe dieses Beispiel ausgewählt, um zu demonstrieren, wie radikal anders diese Art Familientherapie (sie heißt systemische Familientherapie) das Problem der psychischen Krankheiten angeht. Die Therapeuten sagen nicht, dass Lionello krank ist, dass er Hilfe und Nachsicht braucht. Sie gehen nicht davon aus, dass Lionello so viel schlechter dran ist als die anderen Mitglieder der Familie. Sie unterstellen vielmehr, dass er sich auffällig benimmt, weil er dadurch anderen Familienangehörigen hilft. Mit seiner «Krankheit» verhält er sich verantwortungsvoll gegenüber der Familie. Allerdings zahlt er einen hohen Preis dafür: Seine eigene Entwicklung behindert er dadurch erheblich.

Eine Familie ist ein System, das im Gleichgewicht stehen muss. Wenn zum Beispiel die Mutter sich nur dann gut fühlen kann, wenn sie für ein Familienmitglied sorgen kann, wird ein anderes Mitglied der Familie die Rolle desjenigen übernehmen, der sich umsorgen lässt, vielleicht ein Sohn. Wenn der Sohn erwachsen ist und aus dem Hause geht, wird die Mutter es schwer haben und versuchen, jemand anderen in der Familie zu finden, der nun an die Stelle des Sohnes tritt. Aber der Sohn wird sich auch schwer tun, das Haus zu verlassen. Er wird Schuldgefühle bekommen, weil er weiß, wie sehr die Mutter auf ihn angewiesen ist. Vielleicht kann aber der inzwischen älter gewordene Ehemann oder ein Enkelkind an seine Stelle treten. Man sieht, das Entscheidende wäre in einem solchen Fall, wie sehr die Mutter auf ein schwaches Mitglied angewiesen ist. Kann sie sich damit trösten, dass sie z. B. in der Bahnhofsmission tätig wird, oder signalisiert sie der Familie, dass jemand krank werden muss, damit sie ihr Bedürfnis, für jemanden zu sorgen, befriedigen kann? In der Familie von Lionello war das letztere der Fall. Es kann in ähnlich gelagerten Fällen leicht dazu kommen, dass die Trennung von Mutter und Sohn nicht stattfindet. Wenn der Sohn krank wird, kann er der Mutter erhalten bleiben. Weder Mutter noch Sohn brauchen Schuldgefühle zu haben. Der Sohn ist ja krank. So hilft er der Mutter, selbst gesund zu bleiben. Er hat auch eigene Vorteile davon. Er erspart sich die Mühen des Lebens. Und die Mutter kümmert sich um ihren kranken Sohn, ohne auf die Idee zu kommen, welchen Anteil sie an seiner Krankheit hat. — So sehen es jedenfalls die systemischen Familientherapeuten.

Jeder Mensch, so sagt der Familientherapeut L Boszormenyi-Nagy, versucht im Leben genau das zu bekommen, was er gegeben hat. Der Mensch ist darauf angewiesen, dass er eine ausgeglichene Bilanz hat, also nicht ausgebeutet wird, aber auch andere nicht ausbeutet. Damit sind nicht materielle Güter gemeint, sondern Fürsorge, Liebe, Engagement usw. Bekommt der Mensch nicht das, was er braucht, dann versucht er, es sich zu holen. Oft wird das aber verschleiert. Ein Junge, der zu wenig Liebe bekommt, fängt vielleicht an zu stehlen und holt sich so an materiellen Gütern, was ihm an Liebe fehlt. Da aber kein Reichtum der Welt Liebe ersetzt, wird er nie das Gefühl haben, genug bekommen zu haben. Nach diesem Grundsatz müssen wir vermuten, dass auch die Großmutter von Lionello, die jemanden lieben will, den sonst kein anderer liebt, sich etwas von Lionello holt. Sie ist nett zu ihm, also muss er dankbar sein. Ob sie als Kind denen, die sie liebten, ständig dafür dankbar sein musste, so dass sie mehr Dankbarkeit geben musste, als sie Liebe erhalten hat?

In der Familientherapie geht es jedenfalls darum zu klären, dass krankhaft erscheinendes Verhalten bei genauerem Hinsehen höchst sinnvoll ist und mitunter das Gegenteil dessen ist, als was es erscheint. Dabei wird nicht einfach das Problem von einem zum anderen verschoben. Zu Lionello sagen die Therapeuten ja nicht: «Armer Lionello, du tust alles, um deiner Oma zu helfen, die letztlich an deiner Krankheit schuld ist.» Sie sagen vielmehr ausdrücklich, dass es Lionellos eigene Entscheidung gewesen war, der Großmutter entgegenzukommen, indem er verrückt wurde. Die Familientherapie geht immer davon aus, dass es falsch ist, die Schuld für eine Erkrankung bei irgendeinem zu suchen. Sie klärt auf, dass es ein Konflikt in der ganzen Familie ist, an dem jeder seinen Anteil hat. Wenn jeder Beteiligte das erkennt, kann er seinen Beitrag leisten, das Dilemma zu lösen. — Die Mitwirkung der Familie bei einer Behandlung ist um so nötiger, je schwerer die Krankheit ist. Darum ist eine psychotherapeutische Behandlung bei den Psychosen zum Beispiel oder der Anorexie oft nur aussichtsreich, wenn die ganze Familie beteiligt wird.

Familientherapie findet möglichst mit der ganzen Familie statt, auch mit den Kindern. Die Therapeuten sind in der Regel zwei Personen. Da es sehr schwierig ist, die Zusammenhänge in der Familie zu erkennen, gibt es meist weitere Therapeuten, die hinter einem halbdurchlässigen Spiegel die Therapie beobachten und die Therapeuten, die mit der Familie sprechen, beraten. Eine Behandlung umfasst oft nicht mehr als zehn Sitzungen, die im Abstand von einigen Wochen stattfinden. — Familientherapie ist keine Leistung, deren Kosten die Krankenkassen automatisch übernehmen.

Verhaltenstherapie. Eine ganz andere Richtung als die Psychotherapie, die sich auf die Psychoanalyse stützt,  ist die Verhaltenstherapie. Die Theorie, die hinter dieser Methode steht, ist, dass psychische Störungen die Folge von falschem Lernen sind. Vereinfacht gesagt, psychische Störungen sind falsche Angewohnheiten. In der Verhaltenstherapie hat der Patient Gelegenheit, neue Verhaltensweisen zu üben und zu lernen. Dies geschieht so, dass in der Therapie erwünschtes Verhalten «belohnt» und unerwünschtes Verhalten «bestraft» wird. Natürlich entscheidet der Patient, was erwünscht und was unerwünscht ist. Er kommt ja zum Therapeuten mit dem Wunsch, durch seine Hilfe etwas an sich ändern zu können. Die «Belohnung» oder «Bestrafung» kann ganz unterschiedlich sein. Nehmen wir an, jemand hat Angst in Aufzügen. Der Verhaltenstherapeut übt dann mit ihm, sich die Situation im Aufzug zunächst nur vorzustellen und dabei angstfrei zu bleiben. Die «Belohnung» kann in diesem Fall darin bestehen, dass der Therapeut den Patienten lobt und ermutigt. Schließlich übt der Patient im Beisein des Therapeuten, im Aufzug zu fahren.

Die Verhaltenstherapie hat vor allem dann einen großen Wert, wenn der Betreffende ein reifer, gut organisierter Mensch ist. Wenn das kranke Symptom nicht den ganzen Charakter des Menschen bestimmt, ist eine Verhaltenstherapie, die ja auch den geringsten Aufwand erfordert, sinnvoll. Je kränker aber ein Mensch ist, um so weniger wirksam ist sie. Wer überdies auch an einer Aufklärung seiner seelischen Entwicklung interessiert ist, findet bei der Verhaltenstherapie keine Antwort.

Weitere Behandlungsmethoden. Autogenes Training. Durch autogenes Training kann man lernen, sich völlig zu entspannen und dadurch angstfrei zu werden. Die Entspannung wird im Beisein eines Therapeuten antrainiert. Sie erfolgt vor allem durch das vegetative Nervensystem. Das autogene Training ist keine Methode zur direkten Behandlung psychischer Konflikte. Jedoch ist es eine sehr wertvolle Hilfe für viele psychisch Kranke, um mit ihren Ängsten besser fertig zu werden. Ähnliches lässt sich durch die „progressive Muskelrelaxation nach Jakobson“ ( heißt: Muskelentspannung) erreichen.

Körpertraining. Bei psychischen Störungen ist immer auch das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper gestört. Missempfindungen, Schwächegefühl, Beschwerden aller Art und eine besondere Empfindlichkeit sind regelmäßige Begleiterscheinungen psychischer Unstimmigkeiten. Darum sollte eine Behandlung auch den Körper mit umfassen. Gymnastik, Sport, Bäder etc. verbessern die körperliche Leistungsfähigkeit, sie verbessern das Körpergefühl und das Selbstbild.

Schockbehandlung. Die Schockbehandlung wurde in den dreißiger Jahren erfunden. Sie wurde anfangs sehr häufig, ganz bestimmt zu häufig, angewandt. In den letzten Jahren sind die Psychiater etwas vorsichtiger geworden. Heute wird im wesentlichen nur noch der Elektroschock benutzt. Dem Patienten werden Elektroden an den Kopf gesetzt. Durch das Gehirn wird ein Stromstoß geleitet. Das Gehirn wird dadurch erregt, so dass der Patient einen Krampfanfall bekommt, der einem epileptischen Anfall gleicht. Der Patient ist dabei narkotisiert. Meist wird eine Serie von drei bis zehn solcher Schocks verabreicht, mit einem Abstand von einem bis zu mehreren Tagen.

Ob die Elektroschockbehandlung bei psychischen Krankheiten überhaupt wirksam ist, darüber ist der Streit der Wissenschaftler immer noch nicht beendet. Aber eindeutige Belege zur Wirksamkeit gibt es nicht.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:06:44
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.