Psychische Erkrankungen und was man dagegen tun kann. Ein Handbuch.

Angehörigengruppen

Von der Krise zur Zwangseinweisung: Bericht eines Vaters.

«Heute — am 17. September 1984 — ist es ein Jahr her, dass unser Sohn Peter eingewiesen wurde. Unser Sohn — jetzt 33 Jahre alt — leidet seit 1975 an einer Psychose, die in «Schüben» auftritt. Wir lieben ihn sehr. Er ist verträglich und hält sich sauber.

Seit dem 30. Juli 1983 war uns klar, dass ein neuer «Schub» eingetreten war. Am 11. August 1983 wurde er schließlich von der Grenzstelle des Aachener Hauptbahnhofes zweimal aus dem Zug geholt, weil er ohne gültige Dokumente gereist war. Da Peter sich in einem akut psychotischen Zustand wohl bedroht gefühlt hatte, war er gegen die Beamten aggressiv geworden. Sie brachten ihn in das Klinikum Aachen. Die dortige Oberärztin überwies ihn an das regionale zuständige psychiatrische Krankenhaus. Das Ordnungsamt gab jedoch dieser Einweisung leider nicht statt und schickte Peter mit der Feuerwehr wieder zurück ins Klinikum. Dies sah sich bedauerlicherweise außerstande, ihn dazubehalten, und setzte ihn in die Bundesbahn. Er erschien wenige Stunden später in unserer gemeinsamen Wohnung.

Meine Bemühungen, einen ambulanten Dienst in unserer Stadt einzuschalten, damit dieser in einem Gespräch mit Peter dessen Einverständnis zur Krankenhausbehandlung erreichen sollte, schlugen fehl. Peter lehnte es ab, diesen Herrn aufzusuchen, auch einem angebotenen Hausbesuch verweigerte er sich.

Tag für Tag und Nacht für Nacht vergingen in größter nervlicher Anspannung, dennoch versuchten wir — gemeinsam mit dem behandelnden Nervenarzt —, Peter die Zwangseinweisung zu ersparen. So versuchte ich, ihm den Besuch einer Tagesklinik schmackhaft zu machen, er reagierte jedoch mit Drohungen.

Peter wurde gegenüber der Umwelt immer mißtrauischer und ängstlicher. Plötzlich fuhr er nach Berlin und stellte dort einen Kreditantrag bei einer Bank, weil er sich in Berlin ein Haus bauen wollte. Dann kaufte er sich zwischendurch einen gebrauchten Mercedes 450 SL und zahlte mit 100 DM an. Gleich anschließend verkaufte Peter einen Teil seiner Briefmarkensammlung. Dann versuchte er —ohne Fahrkarte — nach England zu fahren, wurde aber an der Grenze festgehalten und abgeschoben.

Drei Wochen, nachdem Peter aus der Aachener Klinik zu uns nach Hause gebracht worden war, waren wir sehr verzweifelt und erkannten, dass sich die Einweisung gegen seinen Willen nicht mehr umgehen lassen würde. Inzwischen hatte ich auch ein ausführliches Gespräch mit dem Sozialarbeiter des städtischen Gesundheitsamtes gehabt. Der Sozialarbeiter lehnte einen Hausbesuch ab, er wollte Peter schriftlich zu einem Gespräch in seine Dienststelle einladen, was ich für zwecklos erklärte, da er grundsätzlich keine Post öffnete. Zu diesem Gespräch kam es deshalb auch nicht.

Peters Zustand hatte sich jetzt bereits so zugespitzt, dass er nachts nicht schlafen konnte, einmal malte er nachts auf seinem Bett ein Ölgemälde. Jetzt begannen sogar tätliche Angriffe gegen meine Frau und mich. Nachts war er oft außer Haus.

Erneute Fahrt — mit zu wenig Geld — nach Berlin, Visionen. Zurückgekehrt, ging er zu einem nahegelegenen Werk der Petro-Chemie, um ein Patent zur Benzin-Gewinnung anzumelden. 500 000 DM wollte er haben. Wiederholte Tätlichkeiten, jetzt besonders gegen meine Frau.

Mein Gespräch mit dem Dienst eines konfessionellen Wohlfahrtsverbandes blieb ebenfalls erfolglos, es kam nicht zu dem erhofften Treffen zwischen dieser Stelle und unserem Sohn. Mir wurde hier empfohlen, eine Pflegschaft zu beantragen.

Nach Ablauf der fünf Wochen unternahm Peter eine weitere Fahrt nach Berlin. Nach der Rückkehr wurde er tätlich, als ich ihn wieder eindringlich bat, ein Krankenhaus aufzusuchen.

Einmal stieß er in einem krisenhaften Zustand sehr schnell und unerwartet mit einem Messer in Richtung meiner Augen. In unserer Verzweiflung gingen wir schließlich zum Vormundschaftsgericht und stellten Antrag auf Pflegschaft, auf Aufenthalt und Finanzen.

Hier hatten wir Glück, einen erfahrenen Richter anzutreffen. Es gelang uns, diesen zu veranlassen, beim behandelnden Arzt anzurufen, damit dieser eine Einweisung nach dem Psychisch-Kranken-Hilfsgesetz, das in Nordrhein-Westfalen die Hilfen und Zwangsunterbringungstatbestände regelt, ausstellte. Der Arzt kam diesem Wunsch nach. Ich rief um 22.20 Uhr die Feuerwehr an und bestellte unter Berufung auf die vorliegende Zwangseinweisung einen Krankenwagen für die Fahrt zur Universitätsklinik.

Als nach einer halben Stunde zwei Feuerwehrleute erschienen, konnten sie nichts ausrichten, weil Peter sie verbal bedrohte. Aus diesen Gründen riefen sie die Polizei zur Hilfe. Der ältere Polizeibeamte organisierte nach vorheriger höflicher, aber vergeblicher Aufforderung, freiwillig mit in die Klinik zu kommen, die Überwältigung unseres Sohnes. Danach wurde dieser nackt in Handschellen in den bereitstehenden Krankenwagen gebracht.

Es war 0.15 Uhr am 17. September 1983. Sieben schwere und teilweise gefährliche Wochen waren vergangen. Wir Eltern waren mit unseren Kräften am Ende.» 3

Das Elend der Angehörigen von psychisch Kranken ist groß. Am schlimmsten ist es für die Eltern psychisch kranker Kinder. Eheleute können sich notfalls trennen. Kinder haben es irgendwie leichter, ihre kranken Eltern, wenn es anders nicht mehr geht, in ein Heim zu geben. Aber die Eltern psychisch kranker Kinder werden nie aus der Pflicht entlassen.

Ich habe den Bericht über Peter hier weniger wegen seiner Geschichte aufgenommen, als vielmehr um zu zeigen, wie groß das Verlangen der Angehörigen nach Hilfe ist und wie wenig Verständnis für ihre Situation sie oft finden. Der Bericht von Herrn Winter verrät, dass er zweifellos sehr verstrickt war in die Situation. Offensichtlich war er wenig in der Lage, sich klar von der Verfassung seines Sohnes zu distanzieren bzw. den Sohn als verantwortlich für seine Situation zu betrachten. Aber auf der anderen Seite muten die Ratschläge, die er erhalten hat, grotesk an. In diesen Fällen können Angehörigen-Selbsthilfegruppen helfen. In der Gruppe können sich die Eltern Rückenstärkung holen, um z. B. der Aggressivität ihrer Kinder Grenzen zu setzen. Sie werden darin bestärkt, nicht aus Schuldgefühlen stillzuhalten, sondern ihre Angehörigen energischer zu drängen, sich behandeln zu lassen, wenn es nötig ist. Sie erhalten Tips, wie sie die Ärzte entschiedener darauf hinweisen können, dass u. U. eine Behandlungspflicht besteht. Sie erleben Verständnis von anderen Angehörigen für ihre Schwächen gegenüber dem Kranken. Und nicht jeder Ratschlag wird untergründig von einem vorwurfsvollen Ton begleitet, dass alles nun nur auf sie ankomme.

Selbsthilfegruppen für Angehörige aktivieren die eigenen Kräfte der Familien, sie informieren über Hilfsangebote, sie können Einfluss nehmen auf politische Instanzen und psychiatrische Dienste beraten. Sie finden Sie im Internet unter:  http://www.kompetenznetz-depression.de/hilfe/angehoerigengruppen.htm

«Ja, wir Angehörigen von psychisch Kranken haben es oft schwerer als die Patienten. Sie werden betreut, umsorgt, beachtet. Aber wir? An uns denkt so gut wie niemand» — heißt es in einer Informationsbroschüre einer Angehörigengruppe. In diesem Ausspruch kommt die ganze Problematik von Familien psychisch Kranker zum Ausdruck. Krank ist vielleicht nur ein Mitglied der Familie, aber Hilfe braucht die ganze Familie. Verlangen — so scheint es oft — darf aber Hilfe nur, wer sich als krank erklärt.

Letztmals aktualisiert: 2010-06-08 11:06:18
 
Diese Webseite basiert auf dem Buch "Sprünge in der Seele" von Frank Matakas. Das Buch ist erstmals im Rowohlt Verlag erschienen und steht in überarbeiteten Auszügen hier kostenlos zur Verfügung.
 
Familienstürme: Was ist eigentlich »normal«? Eine Annäherung an die tieferen Ursachen psychotischer Zustände. Ein erfolgreicher Mann, eine treu sorgende Frau, zwei Töchter – Familie Rein ist eigentlich völlig normal. Und doch führen die Abhängigkeiten untereinander, Berge von uneingestandenen Wünschen und nicht gelebten Gefühlen scheinbar zwangsläufig ins Elend: Barbara, die älteste Tochter, arrangiert ihre (über-)Lebensstrategien in diesem Umfeld von Anfang an so, dass sie auffällig wird. Als junge Frau wird sie schwer psychotisch. Frank Matakas beschreibt an diesem fiktiven Fall – gewissermaßen der Quersumme vieler seiner Fälle als Psychiater und Psychoanalytiker –, wie sich psychische Auffälligkeiten auf der persönlichen, der familiären und der gesellschaftlichen Ebene erklären lassen könnten. Romanhaft zu lesen, packen die Schilderungen den Leser mehr als alle Fiktion: Immer wieder muss er erkennen, wie es auch um ihn selbst und das eigene Umfeld bestellt ist. Vor allem aber erweckt das Buch in ihm ein tieferes Verständnis für die Individualität und innere Ordnung anderer, erscheint sie nun krankhaft oder „normal“.

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Eine weitere Arbeit mit dem Schwerpunkt Psychose hat der Autor im Internet veröffentlicht.